Der Geist jedes Menschen ist ein unendlicher Schatz an Erinnerungen. Jeder Gegenstand, jeder Gedanke und jedes Wort hat eine persönliche Geschichte, die mit der einzigartigen Biographie unseres Lebens verwoben ist. Wir gehen in Gedanken zurück und können ausgehend von Kindertagen bis heute Gerüche, Farben, Formen, Bilder, Geräusche und Gefühle hervorholen. Worte, Taten, Beziehungen, Beobachtungen, Erkenntnisse und Aktivitäten fließen täglich in unser Wesen ein und fügen unserer Persönlichkeit stetig weitere Dimensionen hinzu. Mal tritt der eine Charakter unseres Selbst hervor, mal der andere, wir wandeln uns mehrmals täglich, sind nie gleich gestrickt, sondern stets in Bewegung. Jeder Mensch hat tausend Leben im Blut, tausend Facetten gespeichert und doch ist jede Person einmalig.

Es gibt zwei Arten die Welt zu sehen, so als gäbe es keine Wunder, oder so, als wäre alles eines. (Einstein)

Ich möchte in meinen Geschichten die Weite und die Tiefe des Lebens einfangen und ergründen. Ich möchte alle Stimmen in unseren Köpfen zu Wort kommen lassen. Daher sind meine Geschichten immer Ausdruck der Vielfalt des Einzelnen in gegenseitiger Abhängigkeit zum mehrschichtigen anderen, dem wir mal als Mensch, mal als Funktionsträger*in begegnen. Aus all diesen Verästelungen entsteht das Ganze, die Einheit allen Seins. Diesem Mysterium bin ich seit langem unermüdlich auf der Spur, ohne dass es an Faszination einbüßt.

Derzeit bin ich auf der Suche nach einem Verlag für meinen Debütroman und nach Veröffentlichungsmöglichkeiten für verschiedene Erzählungen und Gedichte.

 

Einblick in meine geschichten

 

Kurzgeschichte: Wo ich bin

veröffentlicht auf smartstorys.at, als Hörgeschichte gesprochen auf spotify

Müde und gelangweilt streichelt mein Zeigefinger das Smartphone. Ich scrolle mich durch Facebook. Ich verschwende Lebenszeit. In nur einer Sekunden nehme ich eine Flut von Reizen auf, die ich weder fassen, noch verarbeiten kann. Bilder, Worte, Videos, tausende Beiträge flimmern auf und ziehen hinüber. Vermutlich wäre es sinnvoller eine dieser furchtbaren Fernsehsendungen einzuschalten, dann könnte mein analytischer Verstand wenigstens heimliche Studien zum Thema Medienwirksamkeit der Gegenwart führen. Die Gefahr jedoch, dass mich das Vorführen meiner Mitmenschen tatsächlich unterhalten könnte, verbietet mir das Einschalten des Fernsehers, denn diese Schuld darf ich unmöglich auf mich laden. Also liege ich hier, liege tief, ganz tief in der tiefsten Kuhle meiner Couch. Ich denke an einen der zahlreichen Meditationskurse, die ich belegte. Eine dünne Lehrerin mit langer, goldener Mähne gab vor sich ausschließlich von Licht zu ernähren, wofür sie bis heute all meinen Respekt und meine vollste Anerkennung genießt. Vor allem im Winter. Sie forderte uns auf tief, ganz tief und immer tiefer in uns selbst zu versinken. Der Körper sinkt schwer wie Blei zum Erdmittelpunkt. Tiefes Atmen löst alle Probleme.

„Bin mich suchen gegangen, wenn ihr mich findet, bevor ich wiederkomme, sagt Bescheid wo ich bin!“

Ich lache. Was für eine geniale Statusangabe von einem mir unbekannten Facebook Freund. Da sage mal einer Facebook sei oberflächlich. Von wegen! Da drin steckt tiefgründige Philosophie. Ich beginne zu zählen, wie oft ich mich schon gesucht und nicht gefunden habe.

Ich war gerade dreizehn Jahre, fühlte mich unfassbar alt und konnte mir nicht vorstellen, dass es noch mehr zu begreifen gibt, als ich nicht sowieso schon tausendmal durchdacht hatte. Kurzum, ich hatte die Weisheit gefressen und war furchtbar enttäuscht von ihr. Das war alles? Eine tolle Gesellschaft habt ihr mir da aufgebaut. Mehr war nicht drin? Come on! Ich brauchte dringend echte Magie. Das wahre Leben war viel zu grau und dröge und der Ausblick auf eine Zukunft in vorgezeichneten Pfaden von Schule, Ausbildung, Beruf, Heim und Herd bewirkte notorischen Brechreiz. Lieber hätte ich mir gleich die Kugel gegeben, um den Weg abzukürzen. Die meisten Selbstmorde geschehen in der Jugend, was womöglich am unausgereiften Präfrontalen Cortex liegt, der im vorderen Gehirn sitzt und zuständig für Risikoabwägung und Langzeitziele ist. Aber das wusste ich in meiner Allwissenheit noch nicht. Was ich wusste war, dass ich jeden hasste, der mich mit den Worten „Jaja, die Pubertät!“ belächelte. Sollten sie doch alle das kranke Spiel der kranken Welt mitspielen. Ich brauchte dringend eine andere Realität, eine übergeordnete Wahrnehmung, ein anderes Bewusstsein. Irgendwas mit Gott und Zauberreich. Vielleicht ein paar Drogen, aber bloß nicht die harte Sorte, ganz wollte ich es mir schließlich nicht versauen und vor allem wollte ich die Zügel meines Lebens nicht abgeben. Ich saß also mit dreizehn Jahren auf einem steinigen Felsen über den Gipfeln des Thüringer Waldes, rauchte einen Joint und blickte auf Lichtung, dichten Wald und tiefen Abgrund. Irgendwo dazwischen musste Gott stecken. Wenn er auf diesem Traummotiv jedes Yogakalenders nicht war, wo dann? Ich versank in bewusstseinserweiterte Meditation, ich betete, rief alle Götter der Natur an, beschwor Buddha, Jesus, Maria, Lakshmi und alle Erscheinungen der großen kosmischen Dynamik sich zu zeigen. Ich atmete tief, tiefer und immer tiefer, lange bevor ich diesen Auftrag im Yoga Kurs erhielt. Auf tiefes Atmen kam ich von ganz allein, nützte aber nichts. Es roch nach Nadeln und Sommer, kleine Insekten nutzten unmerklich die Chance ganz tief und immer tiefer in meine Nase zu dringen. Nichts geschah. Ich bat Gott mir ein Zeichen zu geben. Er sollte mir meinen Weg weisen. Einen Weg der ins wahre Leben, raus aus dem Hamsterrad, raus aus allen Zwängen führte, einen Weg, der mein Weg war, der mich in meine Welt führte, meine Talente vollends in Schaffenskraft wandelte. Ein kleiner Wind kam, mehr nicht. Beleidigt beschloss ich statt Gott mich selbst zu suchen. Vielleicht fände ich mich und in mir auch noch Gott.

Ich suchte mich mit dreizehn im Wald, ich suchte mich in meinem Kinderzimmer vor meinem Kerzenaltar, manchmal fand ich mich in durchtanzten Nächten, doch am nächsten Tag war ich wieder verschwunden. Dann suchte ich mich nach dem Abi in mexikanischen Prozessionen zum Fest der Toten, während ich mit weinenden Mamas auf Gräbern picknickte. Zur Studienzeit suchte ich mich im Buddhismus und besuchte das Zentrum des Diamantwegbuddhismus, da es in meiner Stadt leider kein Zen Zentrum gab, was weniger dogmatisch gewesen wäre. Also suchte ich mich und Gott mit Hilfe des Lamas Ole Nydahl und des dreizehnten Karmapa. Leider verstand ich das mit dem Karmapa überhaupt nicht. Inzwischen suchte ich nicht nur mich und Gott, sondern auch die allumfassende Wahrheit allen Seins und die Weltenseele. Die Suche weitete sich also aus, statt sich zu verkleinern. Ich suchte zehn Tage schweigend und sitzend in einem indischen Ashram. Ich suchte von Darmkrämpfen geplagt in Varanassi, als ich über Leichen stieg, die auf das Feuer der Erlösung am heiligsten Ort der Welt warteten. Ich schickte Kerzen auf die Reise über die Wogen des Ganges, sie saßen auf orangen Blüten und wurden von lauten Ritualen am Flussufer begleitet. Später wedelte ich mit zehn Räucherstäbchen in jeder Hand vor chinesischen Ahnenaltären in Kuala Lumpur. Praktischer Weise stand eine Straße weiter eine Moschee, für die ich mich etwas unwillig verschleierte. Wohler fühlte ich mich im benachbarten Viertel Little India. Aus dem Hindutempel tönten laute Mantras, begleitet von rhythmischen Trommelschlägen. Ein Mantra konnte ich mitsingen, ich kannte es aus Varanassi. Das Exotische fühlte sich vertraut an. Ein Teil von mir war längst Hindu, das weiß ich heute. Damals war ich enttäuscht darüber, dass ich mich selbst im Vertrauten nicht fand und Gott den prachtvollsten Ritualen fern zu bleiben schien. Am nächsten Tag suchte ich mich in einer Kirche und vor einer Buddha Statur. Die spirituelle Vielfalt Malaysias machte mich sprachlos, doch ich fand weder Gott noch mich. Wo war ich bloß? Und was ist eigentlich mit Gott los? Ein Menschenleben lang Urlaub oder was?

Nach dem Studium ging der Ernst des Lebens endgültig los: Steuererklärungen, beruflicher Werdegang, Projekte, Wohnungseinrichtung, Feierlichkeiten. Als hätte ich nicht genug zu tun. Ich platzierte meine Suche in wöchentliche Pilates und Yogakurse. Auch nahm ich hin und wieder Chakren Tänze und irischen Squaredance mit, einmal ließ ich mich schamanisch reinigen, man weiß ja nie, wo man sich unverhofft finden könnte. Doch das Leben ging erbarmungslos nüchtern weiter, keine kleinen Wunder, wenig Überraschung, keine große Wendung. Bis ich mich endlich aus dem Teufelskreis meiner Selbstfindung löste und dafür sorgte, dass meine Familiengeschichte eine Spirale blieb und nicht Sackgasse wurde. Ich bekam mein erstes Kind. Auf einmal erschien das selbstsüchtige Suchen und drehen um mich, das besessene bei mir und mit mir und immer wieder in mir selbst sein sinnloser denn je. Wo war das Dorf, das mich erzogen hatte, wo die Kinder meines Dorfes, die ich erziehen durfte? Warum war da nur ich, egal wohin ich blickte? Wieso suchte ich mich, statt andere zu sehen? Als öffnete ich die Augen zum ersten Mal, erwachte ich aus tiefem Schlaf und blickte auf mein Kind und damit auf alle Kinder und alle Eltern, mit denen ich nun verbunden war. Ich sah die Mütter auf den Gräbern beim mexikanischen Totenfest, die mit ihren toten Eltern feierten, weil sie sich in Ewigkeit verbanden. Ich sah Chinesen vorm Ahnenaltar, wie sie sich all die Schultern bewusst machten, auf denen ihre Füße standen, wie sie ihnen dankten und sie lobpreisten, weil all die Väter und Mütter ihr Leben möglich gemacht hatten. Ich sah die kleinen Buddhas, die von ihren Familien ausgesandt wurden das Glück zu finden. Ich sah die Geschichte der Menschheit aufgedröselt, vernestelt und verzweigt in tausende Schicksale, alle miteinander verwoben. Ich sah in jedem Finanzberater einen Sohn, in jeder Lehrerin eine Mutter. Das Leben bekam eine tiefere Dimension, die mir der tiefste Atemzug nicht hätte ermöglichen können. Ich brauchte mich nicht mehr finden, ich war auf einmal da, als wäre ich nie weg gewesen. Es war eindeutig: Ich bin Viele! Mal Mutter, mal Tochter, mal Freundin, mal Kundin, mal Partnerin. Ich erkannte, dass alle anderen, alle Worte, alle Taten und jedes Wesen, täglich und unablässig auf mich einwirkten. Meine Umwelt wurde Teil meiner Selbst. Manchmal fühlte ich mich wie meine Businessfreundin, manchmal wie die traurige Nachbarin von Gegenüber. Jede Begegnung hinterließ die Facette einer Persönlichkeit in mir, die ich bisweilen selbst annahm. Und auch meine Worte wirkten auf andere ein. Ein Rat kann über Generationen weitergegeben werden und so verfestigt sich ein Mensch in vielen Menschen. Es war also klar, ich würde mich nie finden, ich war da, doch gleichzeitig gab es mich gar nicht. Ich war niemand, oder alle, aber niemals nur ein statisches, unveränderliches Ich. Ich war ständig in Bewegung und nie gleich.

Nur Gott fehlte mehr denn je. Ich schrie einen tiefen Urschrei, als ich begriff, dass mein Kind sterben musste. Nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann. Ich brauchte die Gewissheit, dass es ein Happy End gibt, dass das Leben mit dem Tod erst losgeht, dass mein Kind weiterleben, niemals sterben, sich nur wandeln wird. Und da geschah es. Ich begegnete Gott im Traum. Es klingt banal, doch es war das eindrucksvollste, was ich je erlebte. Mein Herz tat sich auf, ich flog, fühlte eine unfassbare Kraft, hörte heroische Musik, roch Blumenduft und traf meinen Opa Heinz, der mich umarmte und telepathisch mit mir sprach. Dann erwachte ich in Einfalt. Neben mir schlief nuckelnd das schönste Geschöpf des profanen Diesseits. Ich musste laut lachen. Ich hatte Gott gefunden und es tat überhaupt nichts zur Sache! Es änderte rein gar nichts daran, dass mein Leben hier war und weiter ging. Ich sprang nicht umher und verkündete das Evangelium. Ich sprach nicht einmal mit Freunden darüber, ich wollte nichts Kostbares wegdiskutieren. Aber die Erinnerung an meinen kurzen Besuch in der Ewigkeit tröstet mich in den dunklen Stunden der Erkenntnis, dass alles sterben muss.

Und jetzt? Ich bin weder geläutert noch erfüllt. Ich hänge auf dem Sofa, fertig vom Tag, genervt von den Kindern, die ich über alles liebe, belagert von einer depressiven Stimmung, die bald ebenso grundlos vergehen wird, wie sie mich heute Morgen aus dem nichts befallen hatte. Morgen ist ein neuer Tag, Montag eine neue Woche, am Ersten ein neuer Monat und ja, dann kommt schon das nächste Jahr und läutet das nächste Jahrzehnt ein. Ich weiß, dass noch viel Tolles, viel Blödes und noch mehr Langweiliges geschehen wird. Ich weiß, dass in allem Bedeutung steckt, mir aber meistens der Blick dafür fehlt. Doch die Suche nach mir hat ein Ende und die Suche nach Gott auch. Endlich bin ich frei, um mich in die Abhängigkeiten des Lebens zu stürzen. Morgen. Denn heute gammle ich auf dem Sofa.

 

*

 

Hörgeschichte: Liebe in Zeiten von Corona

Gedicht: Niemals sterben

vertont auf youtube

Hell dunkel hell dunkel Montag
hell dunkel hell dunkel Donnerstag
hell dunkel hell dunkel Sonntag

Schulfrei für immer, Blick auf die Startbahn,
doch Freude aufs Auslandsjahr kommt nicht an.
Nur Wehmut, weil ich schon die Landebahn seh`,
ein Jahr wie ein Tag, das tut so weh.

Ich weiß, Erinnerungen wie eine Perlenschnur blabla,
den letzten Traum erinnre ich ganz genau, doch der war nie wirklich wahr.
Ich hör mich noch lachen: „Ey Opa, die Hose hast du doch noch aus der Kaiserzeit!“
Jetzt spottest du: „Das ist wohl noch ein DDR Kleid?“

Wäre die Erde ein Jahr alt,
gäb´s die Menschheit fünf Minuten.
Und jetzt zieh dich endlich an,
denn wir müssen uns sputen.

Gebaut für die Wildnis, überleben wir heute:
Verkehrsunfälle, Radiowellen, Handystrahlung, Krankheiten.
Jedes Unglück abgewendet, lachen wir kleinen Leute,
doch die Belohnung zum Schluss ist reiner Zynismus.

Ich bring mein Kind auf die Welt, leg es an meine Brust
und ein Urschrei ertönt, weil es sterben muss.
Nicht heut´ und nicht morgen, doch viel zu bald bestimmt
und das ist es, was mir an allem die Freude nimmt.

Bitte, bitte lieber Gott mach dass es dich gibt,
denn ich bin viel zu tief in das Leben verliebt.
Jesus und Maria kommt her nehmt mich in euern Arm
und sagt mir mit dem Tod, fängt das Leben erst richtig an!

Hell dunkel hell dunkel Montag
hell dunkel hell dunkel Donnerstag
hell dunkel hell dunkel Sonntag

Nichts unterscheidet den Blick auf den See vom Blick aufs Kalenderblatt.
Echt ist nur jetzt und jetzt ist jetzt schon jetzt nicht mehr jetzt.

Mal deine Jahre auf ein Blatt, schneid ab wo du stehst
und überleg dir genau wie du weitergehst.

Der perfekte kleine Mensch und das erste Engelslachen,
schlafen will er nur auf meinem Arm.
Doch nur ein Filmschnitt entfernt ist dieses Baby ein Mann,
der letzte Gute Nacht Kuss kam unbemerkt irgendwann.

Klar, das Baby weint, die Familie lacht,
der Tote lacht, die Familie weint.
Auch wenn mir dein Trost kurz etwas Hoffnung macht,
ist die Wunde nicht geheilt, wie mir scheint.

Ich bring mein Kind auf die Welt, leg es an meine Brust
und ein Urschrei ertönt, weil es sterben muss.
Nicht heute und nicht morgen, doch viel zu bald bestimmt
und das ist es, was mir an allem die Freude nimmt.

Bitte, bitte lieber Gott, mach dass es dich gibt,
denn ich bin viel zu tief in das Leben verliebt.
Buddha und Lakshmi kommt her, nehmt mich in euern Arm
und sagt mir, versprecht mir, mit dem Tod, fängt das Leben erst richtig an!

Bitte, bitte, bitte lieber Gott, ich flehe dich an,
mach, dass es dich gibt und ich dich spüren kann.
Denn ich brauch das Happy End, sonst werde ich verrückt,
bestimmt sehen wir uns alle wieder und lachen nur darüber,
dass wir mal dachten, der Tod sei das Ende.

Dabei weiß doch jedes Kind,
dass alles immer weiter gehen muss,
sich nur wandelt und wandelt
aber niemals, niemals, niemals ganz vergeht.

*

Gedicht: jenseits hier

Augen zu, Geist wach, Herz auf,
Eintritt in die Weltenseele.

Schweres Fliegen, sattes Fühlen, klangvoll Hören,
Selbst und Sinne groß wie nie.

Umarmen, sprechen, lieben,
mein Zentrum explodiert, ich treffe Ewigkeit.

Verstehen, wissen, nie mehr glauben,
und als ich aus wachster Wachheit erwache,
Falle ich in Einfalt.

Deine Haut, dein Blick, dein Lachen,
mein glühendes Herz umfesselt die Welt.

*

 

 

Kurzgeschichte: Am Vorabend der Unabhängigkeit

veröffentlicht auf smartstorys.at

Unzählige Menschen waren gekommen. Familien aus vier Generationen drängten sich dicht an dicht in die größte Kapelle Neuspaniens. Auf den Bänken saßen Alte, Schwache, stillende Mütter und Schwangere wie Hühner auf einer viel zu kurzen Stange. Jeder Zentimeter wurde ausgenutzt, manche trugen zwei, andere drei Kinder auf dem Schoß. Bis an die steinernen, heiligen Wände gelehnt stand sein Volk, es mussten Zehntausende sein. Die Menschentraube erstreckte sich hinaus durch das Tor auf den Kirchvorplatz und auf alle Stufen des heiligen Berges Tepeyac hinab. Überall standen gläubige Christen, Mexikaner, geboren im heiligen Land, wie auch er, Fray Servando Teresa de Mier. Sie waren zahlreich, stark und bereit. Für ein herrschendes Volk fehlten nunmehr Stolz und Selbstvertrauen, beides würde er ihnen heute verleihen.

Mier war es endgültig leid sich untertänig zu fühlen und zu beobachten, wie sich Seinesgleichen vor spanischen Herren erniedrigte. Hier und heute würde er den Untertan begraben und auferstehen als Anführer, Herr und Priester. Der Blick auf sein Volk machte ihn stolz, seine Brust schwoll vor Ehrfurcht an und sein Herz glühte wie Feuer. Er war sowohl körperlich als auch geistig auf dem Höhepunkt seines Lebens angekommen, stark und mächtig, gelehrt und erfahren konnte er nun endlich Großes bewirken.

Seit seiner Niederkunft wusste er, dass er zu Höherem berufen war, doch war es ein steiniger Weg, den er durchlaufen musste. Als Nachfahre der Herzöge Granadas mangelte es ihm zwar nicht an Reichtum und Einfluss, doch wurde umso mehr von ihm erwartet. Er war jeher der beste Schüler gewesen, musste sich jedoch stets im Zaum halten und sein feuriges Gemüt zügeln, um seinen Lehrern diszipliniert, ergeben und treuherzig zu begegnen. Dies gelang ihm nur schwer und erforderte mehr Anstrengung als jedes Studium. Zu schnell war seine Zunge, zu spitz sein Verstand, zu laut sein Verlangen kritisch zu denken. Er wollte Wahrheiten umstoßen und mit den höchsten Autoritäten diskutieren. Er sah sich jedem Lehrer ebenbürtig und konnte dies kaum verbergen. Häufig kassierte er Strafen, doch nichts brach seine aufsässige Persönlichkeit. Er fühlte Zeit seines Lebens, dass er im Recht war und den Segen Gottes in sich trug. Gott selbst wies ihm den Weg und jeder, der dies blasphemisch nannte, war in Wahrheit zerfressen von Neid auf Miers heiligen Bund mit dem Herrn.

Die Priesterlaufbahn hatte sein Vater für ihn gewählt, da sie die glorreichste Zukunft versprach. Ein halbes Leben lang versank Mier in Büchern, hatte bei Kerzenschein studiert, mit Brüdern diskutiert und wurde schließlich dominikanischer Mönch und Priester. Zuletzt hielt er den Doktortitel der Theologie in seinen eifrigen Händen. Doch hier und heute, ein Jahr vor seinem dreißigsten Geburtstag würde aus dem Knaben endgültig ein großer Mann werden. Bislang hatte er große Namen erforscht, nun war die Zeit reif selbst in die Chroniken einzugehen, um von künftigen Generationen studiert zu werden. Dieser Scheidetag seines Lebens würde den Grundstein für sein weiteres Wirken legen. Heute musste seine Predigt zum Meilenstein der Geschichte Mexikos, ja der Weltgeschichte werden.

Doch wahrlich, nie hatte ihn etwas mehr Mut abverlangt, er musste sogar tief verwurzelte, niedere Urinstinkte überwinden, um sich selbst in tödliche Gefahr zu bringen. Schließlich konnte er die Folgen trotz taktischer Überlegung nicht lückenlos absehen. Seine aufrührerischen Worte könnten sogar zum Galgentod führen. Heute entschied sich, ob er Mittelmaß blieb, oder ein des Denkmals würdiger Vaterlandsheld würde. Mit Entschlossenheit blickte Fray Servando Teresa de Mier auf sein Volk, das er lehren und vereinen wollte. Er würde die feurige Glut der Leidenschaft in jedem Herzen entfachen und jeden Geist bereinigen, auf dass ein jeder bis aufs Messer für sein heiliges Land kämpfen würde.

Doch nicht nur sein Volk stand unter Miers Kanzel. In der ersten Reihe saßen Heuchler und Peiniger. Unter seinen Füßen versammelte sich die gesamte klerikale und zivile Obrigkeit, der Vizekönig des Vizekönigreichs Neuspaniens und der Erzbischof höchst persönlich. Das Vize würde er ihnen austreiben und das Königreich Mexiko ausrufen. Er hatte nicht übel Lust auf diese großkotzigen Muttersöhne zu spucken, die sich zu Übermenschen aufplusterten, ohne nur einen Funken des Verstandes, einen Hauch der Weitsicht zu besitzen, die Mier innewohnte. Was rechtfertigte die größte Ungerechtigkeit, die es Mier verwehrte Vizekönig Neuspaniens zu sein? Warum würde Mier niemals Erzbischof werden können? Es gab nur einen einzigen, mickrigen, ungeheuerlichen Grund: Er war nicht im Königreich Spanien, sondern im Vizekönigreich Neuspanien geboren.

In ihm brannte die geballte Wut seiner Landesgeschichte. Auf diesem heiligen mexikanischen Boden regierten einst Adlige Azteken. Sie waren vom gleichen Geschlecht, wie die Völker der europäischen Antike und standen alten Griechen, Römern und Ägyptern um nichts nach. Miers Familie war seit Generationen in diesem Land, seine Wurzeln reichten mütterlicherseits bis in die Zeit der Eroberung. Im Falle einer Wiederherstellung des altmexikanischen Kaiserreiches hegte er somit rechtmäßigen Anspruch auf den Thron.

Und er, der hier auf dieser geweihten mexikanischen Erde geboren war durfte sein eigenes Volk nicht regieren? Mehr noch, er würde sein Leben lang fremdbestimmt und durch die spanische Krone verwaltet? Nichtsnutze aus Spanien kamen mit prunkvollen Schiffen und regierten sein Land, ohne es zuvor je betreten zu haben. Vor allem aber fehlte ihnen die geringste Kenntnis der Landesgeschichte und jedes Gespür für die Mentalität seines Volkes. Es war Unrecht und Fray Servando Teresa de Mier war geboren, um die stählernen Ketten Spaniens zu sprengen und Recht zu schaffen. Das Vizekönigreich Neuspanien würde unter seiner Führung untergehen. Mexiko jedoch würde wie die schönste Blume auf Erden als Land der Sonne im neuen Glanz erstrahlen. Die Tage seiner Knechtschaft waren gezählt und die Epoche der spanischen Obrigkeit am Ende. Im Norden hatte die USA unlängst ihre Unabhängigkeit von England besiegelt, in Frankreich stürmte das Volk den Palast, enthauptete seine Peiniger, jetzt würde die spanische Krone ihre Macht einbüßen und sollte froh sein, wenn ihr das Haupt am Rumpf blieb.

Mier hatte seine Predigt gut vorbereitet, jedes Wort sorgsam gewählt und jeden Ton minutiös einstudiert. Seine Predigt würde die spanischen Krone entmachten, ihr jede Legitimation rauben. Es war ganz einfach und Mier wunderte sich, dass nie zuvor ein Landsmann darauf gekommen war. Es gab nur einen einzigen Grund, der die spanische Herrschaft legitimierte, einen Grund, den es anzugreifen und vollends auszumerzen galt. Die päpstliche Bulle und damit der gesandte Gottes auf Erden hatte den Spaniern das Land zugesprochen, um die Wilden zu zähmen und die Ungläubigen zu Evangelisieren. Die einzig legitime Aufgabe der Eroberer war die Christianisierung gewesen. Natürlich nahm zur Zeit der Eroberung kaum ein Konquistador seine Verantwortung und den geistlichen Auftrag ernst. Sie schröpften sein Land aus, eigneten sich Reichtum an, versklavten sein Volk, raubten die schönsten Frauen. Sein Dominikanerbruder Montesinos sagte damals:

„Ihr seid alle in Todsünde und lebt und sterbt in ihr wegen der Grausamkeit und Tyrannei, die ihr gegen jene unschuldigen Völker gebraucht.“

Dies war nun fast dreihundert Jahre her, doch viel hatte sich nicht geändert. Noch immer herrschten Barbaren, noch immer regierten gierige Mäuler. Noch heute war die Christianisierung der Grund, weshalb spanische Edelmänner sein Land regierten. Man musste auf Gott geweihtem Land geboren sein, um an oberster Position zu herrschen. So wenig sich jedoch die Obrigkeit verändert hatte, desto stärker hatte sich das Volk gewandelt. Es gab längst nicht mehr Spanier und Indianer. Es gab eine starke Masse an Mestizen, die aus beiden Völkern entsprangen. Sie fühlten sich weder den Indianern, noch den Spaniern zugehörig, sie waren Mexikaner. Und es gab Kreolen, Mier war selbst einer von ihnen, die spanischem Adelsblut entstammten, aber hier auf mexikanischem Boden geboren waren. Ihnen stand eine gehobene Laufbahn zu, die höchsten Ämter jedoch, blieben verwehrt.

„Heute am 12. Dezember 1794, am Festtag unserer heiligen Jungfrau Guadalupe, unserem geliebten Mütterchen, habe ich die Ehre zu euch, zu meinem Volk zu sprechen.“

Nichts in seinem Leben fühlte sich je richtiger, weitreichender, wahrhaftiger an, wie die Worte, die Mier nun an den Erdball richtete.

„Wir alle kennen die Geschichte, das berühmte Blumenwunder unserer Jungfrau Guadalupe, die einst hier an dieser Stelle vor den Augen des bescheidenen Indio Juan Diego erschienen ist. Heute feiern wir diese Erscheinung mit dem Fest der Guadalupe. Wir gedenken daran, dass sie den Indio anwies eine Kapelle errichten zu lassen. In eben dieser heiligen Kapelle sind wir heute versammelt. Der damalige Erzbischof wies den Indio zunächst zurück. Doch das heilige Bildnis der Guadalupe erschien auf dem indianischen Mantel und besiegelte das Wunder. Dieses wundersame Bild hängt eingerahmt hinter mir und wird gestern, heute und für alle Zeit von gläubigen Christen aus aller Welt angebetet.“

Bis hierhin waren seine Doktorväter und das gesamte Vizekönigshaus einverstanden. Sie lächelten milde, fast gütig, als verdanke er ihnen die Ehre sprechen zu dürfen. Doch jetzt würde er den Stachel der Revolution, diesen in dreihundert Jahren geschliffenen Pfeil in ihre Köpfe bohren. Das Lächeln würde ihnen vergehen und sie täten besser daran ihre Koffer noch heute, statt morgen zu packen.

„Doch nun höret, ich sage euch, diese Forschungen sind fehlerhaft. Hier und heute verkünde ich erstmals die wahre Geschichte Neuspaniens. Erstens: das Guadalupebild ist nicht auf dem Mantel Juan Diegos erschienen, sondern auf dem Mantel von niemand geringerem, als dem Apostel Thomas.“

Ein Raunen ging durch die Menge, dann stockte dem Publikum der Atem, viele hielten die Luft an, konzentrierten sich, um mit allen Sinnen zu begreifen, welchem historischen Moment sie beiwohnten. Schnell war klar, dass hier Geschichte geschrieben wurde. Die Luft wurde dicht und feucht vom salzigen Schweiß der geistigen Anstrengung.

„Zweitens: Es war nicht der Indio Juan Diego, es war kein geringerer, als der Apostel Thomas, der Jünger Jesu, der von Gott Flügel bekam, in unser Land reiste und hier den Tempel der Guadalupe errichtete. Er war es, der zu seiner Zeit ihr Bild angebracht hatte. Dieses Bild entstand nicht nach Ankunft der Spanier, es wurde bereits 44 n. Chr. von den weisen Hohepriestern der Azteken angebetet.“

Mier genoss mit jeder Pore die bald verwirrten, bald aufgebrachten Gesichter der Gefolgschaft des Vizekönigs. Der Erzbischof blickte nicht weniger zornig. Das mexikanische Volk jedoch erfuhr eine Offenbarung. Ihr Blut hob sich empor, wurde dicker, farbiger, ihr Lebensbaum wurde adlig, geheiligt von Gott selbst. Mier hörte förmlich, wie die Ketten dumpf zu Boden fielen und sich Knochen aufrichteten. Seine Predigt wurde feuriger, entflammte jede Vaterlandsliebe, verbrannte Fesseln, schenkte ein neues Bewusstsein. Sein versklavtes Volk wurde heilig, mit seiner Hilfe konnte es sein Rückgrat aufrichten.

„Drittens: Die Indianer wurden dem Christentum abtrünnig. Als die spanischen Eroberer kamen, fanden sie demnach tatsächlich keine Christen mehr vor. Das Bild jedoch, konnten die ketzerischen Indios nie zerstören, obgleich sie es geschändet hatten. Der Apostel selbst hatte das Bildnis versteckt und der bescheidene Indio Juan Diego hatte es 1531 durch die Erscheinung Guadalupes wiederentdeckte und damit den Erzbischof überzeugt diese Kirche zu errichten. Es war nicht nur die Erscheinung Guadalupes, es war die lebendige Maria, die sich auf den Stoff gedruckt hatte! Es ist also bewiesen, dass sowohl Maria, als auch der Apostel Tomas und ferner Jesus selbst auf dieser, unserer heiligen mexikanischen Erde gewesen waren. Das aztekische Volk hat einen biblischen Ursprung, dies beweisen Zeichnungen ausgegrabener Funde. Huitzilopochtli, der Kriegs- und Stammesgott der Azteken, führte diese einst aus dem Land der Berge hier in dieses Tal, wo sie Tenochtitlán, die heutige Hauptstadt Mexikos auf einem See gründeten. Dieser Huitzilopochtli war kein geringerer als Jesus Christus selbst und seine Mutter Coatlicue ist unsere heilige Maria. Damit entzieht sich jeder spanische Anspruch auf unser Land. Gott selbst hat es geweiht!“

Mier war in Extase geraten. Keine Menschenseele hatte je eine glühendere Rede gehört. Als der Rausch langsam verflog und die letzten Worte verklangen, war dem Dominikaner klar, dass nun Flucht und Exil bevorstanden. Er würde vor Gerichten sprechen, verurteilt werden und in Gefangenschaft leben. Sie würden ihn nach Spanien übersiedeln, ihn durch die westindische Kolonialverwaltung zerren. Doch lange Tage hinter dicken Mauern würden seinen Geist nur wendiger, die Feder in der Hand nur flinker machen. Er würde kämpfen und immer wieder fliehen, um sich erneut aufzulehnen. In Revolutionären der alten und der neuen Welt würde er Verbündete finden, er würde Männer anführen, eine Gefolgschaft gründen.

Mit dieser Predigt zum Festtag der Guadalupe hatte er den größten Stein der Menschheitsgeschichte ins Rollen gebracht und sein gesamter Kontinent würde es ihm danken. Das allein zählte und war jeden Tropfen Schweiß wert. Unruhige Jahre standen bevor, doch am Ende würde Mier seinen rechtmäßigen Thron besetzen. Tief in seiner Brust spürte er die zweifellose Gewissheit, dass er der erste Kaiser Mexikos werden würde.

*