Angst vor der eigenen Meinung

Das Hamburger Gängeviertel und der hierarchische Schweige-Kodex

Bei meinem Versuch ein Stimmungsbild im Gängeviertel einzufangen, beiße ich auf Granit. Als  Autorin mit einem Textauftrag für das Jugend-Online-Portal des Goethe Instituts werde ich mit den Worten: „Keinen Bock auf Presse“ abgespeist. Aktive, kreative und schlaue Menschen erschrecken, frage ich: „Was magst du am Gängeviertel?“  Sie beteuern unqualifiziert für ein Statement zu sein.

Seit 2009 haben sich im Hamburger Gängeviertel Kulturschaffende zusammengefunden und die Räumlichkeiten alter Fabrik- und Wohnhäuser vor dem Abriss gerettet. Sie erschufen ein Kulturzentrum das Freiraum für Musiker, Künstler, Galeristen, Kuratoren und politische Diskussionsgruppen ermöglicht. Eine kreative, alternative Begegnungsstätte und Keimzelle zahlreicher Projekte. Die Hamburger_innen sind eingeladen in die Genossenschaft des Gängeviertels einzutreten und aktiv zu werden. Neue Initiativen sind unter dem Motto „Komm in die Gänge“ immer willkommen, so verheißt der Internetauftritt: „Ob Foto-, Yoga-, oder Tanzkurse, ein umfassendes Freizeitangebot für wenig Geld lädt alle Menschen ein an Kursen teilzunehmen oder selbst welche anzubieten.“ Doch die Räume sind besetzt, nicht gemietet und die Zukunft des Viertels ungewiss. Es befindet sich nicht etwa im ewig verruchten St. Pauli oder im bunten Schanzenviertel, sondern mitten in der Innenstadt. Im schicken Hamburger Zentrum nahe dem Gänsemarkt wäre ein Neubau teurer Wohn- und Gewerbegebäude sehr lukrativ. Wozu Hausbesetzer dulden, wenn Millionen verloren gehen? Ein Grund für mich in das Viertel zu gehen und nach Stimmen zu suchen, die mir von der Faszination Gängeviertel berichten. Leider war dies komplizierter und frustrierender als erwartet.

„Ich bin ja nur Schwabe und kann dazu gar nichts sagen!“

Der Jahreszeitenwechsel spielt mir einen Streich: Es ist 20 Uhr als ich das Gängeviertel betrete und stock düster. Es ist still, dunkel und wirkt ausgestorben. „Das ist also das Gängeviertel“, denke ich. Es besteht aus großen, heruntergekommenen Häusern, die sanierungsbedürftig wirken. Alte Fabrikhallen sind mit künstlerisch, humoristisch und anspruchsvollen Graffitis besprüht. Die schmalen Innenhöfe sind mit buntem Schnick-Schnack geschmückt. Ganz nach meinem opulent kitschig-veranzten Geschmack. Aus einer Hauswand kommt ein Frauenbein. Groß ist das Viertel nicht, aber durch die hohen Häuser und die versteckten Wege wirkt es wie ein verwinkeltes Labyrinth. Die Türen zweier Häuser an der Hauptstraße sind angelehnt, dahinter sind weder Licht, noch Unterhaltungen zu erahnen. Stille und Dunkelheit umgeben den Ort. Ich gehe die finsteren Wege entlang und suche nach Menschen, die sich treffen, konspirative Gespräche führen, miteinander lachen und Fremde wie mich einladen, um sich zu ihnen zu gesellen. Ein Mann sprüht ein Grafitti. Im Fenster hinter ihm erscheint ein Raum, der einen Kreis musizierender Menschen in orangenes Licht hüllt. Schaurig-schön. Die Töne von Arkordion, Chello und anderen Instrumenten dringen durch das Mauerwerk. Der Sprayer fragt mich freundlich, ob ich jemanden suche und er mir helfen könne. Ich sage ihm, dass ich einen Artikel über das Gängeviertel schreiben möchte und Leute suche, die mir sagen, was sie ganz persönlich an dem Projekt begeistert. Er erschrickt: „Ich, ich bin ein Schwabe, ich komme gar nicht von hier, ich kann dir dazu echt nichts sagen.“ „Ach, jetzt haben die Schwaben wohl keinen Platz mehr in Berlin und überfluten Hamburg“, denke ich. Schade, dass sie glauben als Migrant keine Meinung haben zu dürfen. Ich frage den sprühenden Schwaben, wo ich in diesen Gemäuern Menschen antreffe, mit denen ich ins Gespräch kommen kann. Er meint es gäbe hier eine Bar, aber er wolle lieber jemanden rufen der sich auskennt. Er klingelt an der Tür. Ein essender Mann öffnet sie und schaut mich an. Ich frage ihn, wo sich hier die Leute treffen und erzähle, dass ich zwar offene Türen gesehen habe, es dahinter aber düster schien. „Ja weißt du“, antwortet er, „du musst dich schon trauen in offene Türen hineinzugehen, wenn du jemanden treffen willst!“  Er bemerkt meine Unsicherheit. Um die Ecke sei eine Bar, da könne ich Leute treffen, sagt er. Ich frage verlegen, ob er nicht vielleicht Bock hätte kurz zu sagen, was ihn am Gängeviertel fasziniert. „Ne echt nicht, ich steh nicht so auf Presse!“ Ich entlocke ihm, dass er hier sein Atelier hat und arbeitet. Ein anderer Mann kommt. „Der kann dir vielleicht was sagen“, sagt der Künstler. Erschrockene Augen schauen mich verwirrt an und eine ablehnende Aura signalisiert, dass auch er nicht mit mir reden mag. Ich finde die Bar und traue mich erstmal nicht hinein. Zwar sind solche Bars an denen der Putz herunterpröckelt genau mein Ding, aber die düstere Atmosphäre darin lässt mich vermuten, dass hier alternative, coole Leute abhängen, die auch keinen Bock auf Presse haben. Hier werde ich wohl niemanden finden, der seinen Namen veröffentlicht sehen will. Ich setze mich abseits der Bar auf einen Holzvorsprung und überlege.

„Hier sind viele liebe Menschen und man darf jede Initiative einbringen!“

Zwei junge Mädels kommen aus der Dunkelheit und laufen an mir vorbei. Ich mache einen erneuten Anlauf: „Hey, ich schreibe einen Artikel übers Gängeviertel, könnt ihr mir sagen, was euch persönlich daran begeistert?“ „Ja Klar!“, sagt die Erste und will direkt losplaudern. Ich unterbreche sie mit einem kleinen Aufschrei: „Echt?! Boa, das ist echt super lieb von euch!“ Das war unprofessionell. Nun hatten sie irgendwie registriert, dass es nicht normal zu sein scheint, über das Gängeviertel zu sprechen. Nach kurzer Verwirrung erzählen sie: „Es ist einfach super hier her zu kommen. Hier sind viele richtig liebe Menschen, man trifft sich gemeinsam und spricht miteinander. Alles ist selbstverwaltet, die Getränke werden nicht verkauft, sondern man gibt eine Spende. Keine übertriebenen Preise. Das coole ist vor allem, dass man hier nicht sinnlos abhängt, sondern sich über politische Ansichten austauscht! Man diskutiert über Themen.“ „Ja“, pflichtet ihre Freundin bei. „Man kann das Gängeviertel als Freiraum bezeichnen. Die Leute leben miteinander und engagieren sich. Wir sind politisch aktiv, es gibt aber auch viele, die eher künstlerisch unterwegs sind, hier ihre Ateliers haben, oder musizieren. Viele wohnen hier. Dann finden Partys und Veranstaltungen statt. Wenn man Bock hat eine Gruppe neu zu gründen, kann man das tun. Alle Ideen und Initiativen sind willkommen. Wir wollen bald eine Sportgruppe aufmachen!“ „Und gerade kommt ihr einfach von einem Aufenthaltsraum?“ „Nein! Wir kommen von einer politischen Gruppe, die sich über feministische Themen austauscht.“ Auf meine Frage nach Alter und Vorname reagieren die beiden unsicher. „Die Polizei macht hier Probleme, ich will nicht, dass mein Name auftaucht, du kannst mich Blume oder Sonne nennen!“ „Marisol?!“, schlage ich vor. „Ja das ist super! Mein Alter kann ich ja verraten, ich bin 21.“ Ihre Freundin antwortet geradeheraus „Ich bin Maria und 19 Jahre alt!“ Ein Foto mache ich besser nicht, sagen sie.

Ich bin nur Kuratorin und übernehme die Barschicht. Ich gehöre nicht zum aktiven Kreis.“

Ermutigt von der erquickenden Aussagefreude der beiden Mädels, die mir anschließend noch Glück wünschen, traue ich mich in die Bar. Die Bedienung ist eine herzlich wirkende Frau, die ich auf Ende Zwanzig schätze. Ich erzähle ihr von meinem Anliegen und frage sie indirekt, ob sie mir erzählen mag, was sie am Gängeviertel fasziniert. „Ich bin hier ja viel seltener als andere und gehöre nicht zum aktivsten Kreis. Deshalb solltest du lieber andere Leute fragen, die sich mehr engagieren als ich.“ Ich frage sie, was sie denn hier macht. „Ich kuratiere Ausstellungen und kann mich dabei frei entfalten. Viele Künstler bewerben sich bei mir und ich organisiere dann Ausstellungen, in denen die Werke zu einem Ganzen werden, ich überlege mir also die inhaltliche Linie. Momentan sind leider keine Ausstellungen, aber wir bereiten die Nächste vor. Das läuft hier so, dass man die Räume als Atelier, Galerie oder Ausstellungsraum nutzen kann, aber dafür einen Teil zur Gemeinschaft beiträgt, also eine Barschicht, wie ich gerade, oder eine Reparatur. Die Gebäude standen ja leer und sollten abgerissen werden, wir nutzen sie jetzt sinnvoll und kümmern uns um die in Stand Haltung. Wir zahlen momentan keine Miete, also geht es darum die Nebenkosten zu decken und überall Licht und Wasser zu installieren. Aber wie gesagt, ich kann dir da wirklich wenig sagen, du solltest besser mit jemandem sprechen, der hier richtig aktiv drin ist. Das Mädchen was gerade auf Toilette ging, sie ist engagierter als ich, frag sie besser!“ Weder ihren Namen, noch ein Statement über ihre Arbeit solle ich veröffentlichen. Dabei war alles was sie mir erzählte durchweg positiv und informativ. Wer Ausstellungen kuratiert und in der einzigen Bar kellnert muss schon sehr bescheiden sein, sich für wenig engagiert zu halten. Die vermeintlich aktive Dame, die ich lieber fragen soll, erscheint weniger bescheiden, eher laut, dominant und neben der sensiblen Kuratorin eher wie eine Klischee-Hausbesetzerin, die „das Maul aufmacht“ und sich an Demos abtransportieren lässt. Diese Einschätzung erschließt sich mir aus folgendem Dialog. Als sie sich an die Theke setzt stelle ich mich vor und frage, ob sie mir sagen kann, was sie am Gängeviertel interessiert. Augenrollen, abwertender Blick, abweisende Grimasse: „Ne, also gerade habe ich da echt keinen Bock drauf, später vielleicht, keine Ahnung!“ Sie rauscht davon.

„Die Mailadresse der Sprecherin darf ich nicht einfach so rausgeben.“

Mein Glas ist leer und ich beschließe zu gehen. Die nette Dame an der Bar meint, ich solle die Bücher lesen, die zum Gängeviertel publiziert wurden und tagsüber an der Information nachfragen, man könne mir viele Broschüren und Auskünfte über die offizielle Vorgehensweise und den politischen Standpunkt geben. Leider möchte ich keinen Bericht über Gentrifizierung, Städtemarketing oder alternative Lebensformen schreiben. Ich wollte Stimmen einfangen, von Menschen die das Gängeviertel lieben und mir ihre Begeisterung vermitteln. Schade nur, dass sich erwachsene Menschen um die Dreißig nicht trauen, etwas ohne Erlaubnis des „aktiven Vorstands“ zu sagen. Gerade in einem Freiraum von Leuten, die genervt von hierarchisch strukturierten Gesellschaften sind, erschrickt mich die ablehnende Haltung. Als „Pressefuzzi“ bin ich hier unbeliebt. Dass ich einen Artikel für das Jugend-Online-Portal des Goethe-Instituts schreibe, der mir als Freiberuflerin soviel einbringt, wie mich allein die Fahrt nach Hamburg kostet und ich dem Gängeviertel eine Stimme geben möchte, scheint niemanden zu interessieren. Ob Goethe-Institut oder Springer, Presse ist Presse. Die Kuratorin hatte mir noch den Tipp gegeben, die Pressesprecherin um ein Statement zu bitten. Leider könne man mir die Mailadresse nicht geben, sie habe dazu keine Erlaubnis. Aber ich könne ihr schreiben und sie leite meine Mail weiter. Eine Pressesprecherin deren Mailadresse unantastbar schein, lässt mich müde lächeln. Ich versuche die Kontaktaufnahme trotzdem und erhalte nie eine Antwort.

Der hohe Norden gibt sich bedeckt

Am nächsten Tag komme ich erneut und mache Fotos. Ich frage Passanten, die an den Häusern vorbei laufen, ob sie mir sagen können, was sie vom Gängeviertel halten. Keiner möchte Auskunft geben, obwohl ich den Namen ändern und auf ein Foto verzichten würde. Ich weiß nicht, ob ich als Wahlkölnerin mit der offenen Mentalität der nördlichen Toskana verwöhnt bin. Was ich weiß ist, dass ich keine Lust mehr habe Meinungen zu erbetteln. Eine rasende Reporterin wird aus mir wohl nicht.

Markt in Mexiko

Ein Auslands-Praktikum bei VW de México für den perfekten Lebenslauf

Wie man auch in Mexiko nicht Gefahr läuft Deutschland verlassen zu müssen

Experten aller Fachrichtungen sind sich einig, dass Auslandsaufenthalte die beruflichen und persönlichen Kompetenzen steigern. Politiker und Unternehmensvorstände erklären gern, wie wichtig der Ausbau von Austauschprogrammen sei. Vor allem wird der asiatische Raum für studentischen Austausch gepriesen. So können die Studierenden später in ihren Führungspositionen auf Kontakte und Kenntnisse zurückgreifen und produktiv auf dem internationalen Weltmarkt wirtschaften. Renommierte Headhunter wie Dieter Rickert berichten fragenden Journalisten gern, wie wichtig Auslandserfahrungen für aufstrebende Manager sind. „Nur so lerne man die Märkte kennen und entwickle ein Gefühl für fremde Sitten“, zitiert ihn der Focus.

Tauchen Studis im Ausland tatsächlich in Land und Sitten ein?

Ein Praktikum bei VW in Mexiko zeigt mir, dass man auch in 10 000 km Heimatentfernung weder die deutsche Sprache, noch die Lebensgewohnheiten einbüßen muss. Das VW Werk in Puebla, nahe Mexiko-Stadt zählt ständig etwa sechzig deutsche Praktikant*innen. Die meisten leben in WG´s beieinander, bewegen sich ausschließlich in deutscher Gemeinschaft und trauen sich zu Fuß nur selten durch die Straßen mexikanischer Städte. Zum Glück verleiht VW ein Auto für fünf Praktikant*innen.

Ankunft in der Praktikanten-Villa

Die Praktikant*innen bei VW de México sind vorwiegend Studierende der Fächer Maschinenbau, Wirtschaftsinformatik und BWL, wobei ich zu Letzteren auch klangvolle Studiengänge wie „international Bussiness Management“ zähle. Ich bin eine der wenigen Geisteswissenschaftlerinnen ohne Businesserfahrung. Wahrscheinlich führte mich ein Zufall in die Abteilung „Personal Ausland“. Von nun an bin ich für alle ausländischen Praktikant*innen zuständig. Ich weise sie in das Land und das Werk ein, betreue sie vor Ort und koordiniere die Praktikumsorganisation aller Abteilungen. Im VW Werk von Mexiko höre ich mehr Deutsch als Spanisch. Meine Praktikumskollegin am Computer neben mir weist den deutschen Neuankömmlingen ihre Autos und Wohnungen zu. Noch vor meiner Anreise teilt sie mich in eine Praktikanten-Villa ein. Ich frage nach dem Ort und wundere mich, dass sie den Namen des Dorfes nicht kennt. Das ist wenig erstaunlich, wie ich später merke. Auch meine durchweg deutschen Mitbewohner*innen, sieben an der Zahl, wissen nicht, in welchem Dorf sie wohnen, obwohl manche ein paar Monate in der Villa leben. Sie erzählen mir, die Villa stünde gar nicht in einem Dorf, es sei einfach ein Platz im Nirgendwo für VW Mitarbeiter. Ich bin entsetzt. Nach dem Abi habe ich ein Jahr in Mexiko verbracht. Ich liebe mexikanische Dörfer, das Leben auf dem Zócalo (Zentraler Platz in der Mitte jeder Dörfer und Städte), die Märkte mit den frischen Leckerein, die Umzüge zu den Festtagen, die Konzerte zu Anlässen patriotischer oder religiöser Gedenktage. Es ist kurz vor Ostern, wo kann ich hier die Messe sehen? Meine Mitbewohnerinnen starren mich an wie eine Außerirdische. „Was willst du auf dem Markt, da holst du dir bestimmt nur Parasiten und Würmer!“, höre ich von allen Seiten. Ich solle mich ihnen doch anschließen, sie kennen das beste Suschi Restaurant in der Gegend. Außerdem habe dieses Dorf doch gar kein Zentrum, es sei nur eine Häuseransammlung, oder nicht?

Probleme mit mexikanischer Nähe

Unsere Villa gehört einer Familie, die sich rührseelig um uns kümmert. Sie schmeißt abgelaufene Lebensmittel aus unserem Kühlschrank, räumt unsere Zimmer auf, die übrigens alle ein eigenes Bad haben und putzt unsere Veranda, die jede Nacht mit leeren Flaschen geschmückt wird. Meine Mitbewohnerinnen regen sich über diese Übergriffe in ihre Privatsphäre auf. Doch leider können die wenigsten ihren Unmut mitteilen, denn kaum jemand spricht mehr als zwanzig zusammenhängende Worte Spanisch. Obwohl gute Sprachkenntnisse Voraussetzung für das Praktikum sind. Als ich die Bewerbungen bearbeite merke ich, dass alle angeben gute Sprachkenntnisse zu besitzen, obgleich sie nach der Ankunft nur „Hola“ sagen können. Also beschweren sie sich bei meiner Praktikumskollegin im Personal über die schlechte Unterkunft, bei der hin und wieder sogar das W-Lan ausfalle. Auf dem Weg zum Werk sehe ich Plakate für die nächsten Wahlen „Internet para todos!“ verspricht ein Politiker der PRI, „Internet für alle!“. Damit spricht er den über 80% aus der Seele, die in Mexiko von einer Breitbandverbindung träumen.

Das versteckte Dorf

Als ich mich der Hausdame das erste Mal vorstelle, frage ich ihr Löcher in den Bauch: „Ist das hier kein normales Dorf? Gibt es hier keinen Zócalo, keine Kirche, keinen Markt? Keine Schulen, keine Umzüge? Wo bin ich hier, wie komme ich zu Fuß und mit Taxis Colectivos, Combis oder sonstigen Rutas und Camiones von A nach B?“ Sie ist total erstaunt. Noch nie hat sie eine Güera (Weiße) nach dem Dorfkern fragen hören und schon gar nicht mit mexikanischen Vokabeln des Nahverkehrs. „Natürlich ist das hier ein ganz normales mexikanisches Dorf!“, sie lacht über meine panischen Fragen, „Aber die anderen Praktikanten gehen nicht in das Dorf, da sind nur die Einheimischen. Die Praktikanten fahren in die Shopping-Center und nach Puebla und Cholula, wo es Restaurants und Bars gibt. Das Dorf hat ja nur kleine Läden. Außerdem ist hier niemand auf unsere Rutas angewiesen, keiner fährt Bus, ihr habt doch Autos von VW!“ Ich erzähle ihr, dass ich nicht gern Auto fahre und dass ich ins Dorf spazieren will. Freudig überrascht ruft sie ihre Tochter, die mich begleiten soll. Der Dorfkern ist nur zehn Gehminuten entfernt und sieht zu meiner Beruhigung genauso aus, wie jedes andere Dorf in Zentralmexiko. Keine Ansammlung von VW-Arbeiterhäusern. Ein schöner Zócalo, eine schöne Kirche, ein genialer Markt. Ich kaufe Tortillas, Chile poblanos, Chiles Chipotles, Queso Oaxaca und alles, was ich in Deutschland so sehr vermisse. Von da an kochte die Tochter hin und wieder für mich mit und legte mir eine Quesadilla oder ein Bohnengericht in mein Zimmer, das mich nach der Arbeit begrüßte. Meine Mitbewohnerinnen starren mein Essen jedes Mal ungläubig an, während sie Nudelsuppe vom Asia-Imbiss schlürfen: „Du lebst echt auf einem völlig anderen Stern!“, höre ich sie sagen. „Ja“, sage ich, „dieser Stern heißt Mexiko!“

Winterkorn verbreitet Königsstimmung

Kaum jemand nutzt öffentliche Verkehrsmittel, die seien viel zu gefährlich. Da ich Autofahren für wesentlich gefährlicher halte, beschließe ich mich keiner Fahrgemeinschaft anzuschließen und frage im VW Werk nach den Haltestellen der werkseigenen Busse. Im Personal kann mir niemand helfen, ich frage mich also bei den Werksarbeitern durch. In den Bussen läuft „música ranchera“, mexikanische Cowboymusik mit vielen „AyAyAy´s“. Um mich rum sitzen fast ausschließlich Männer mit dreckverschmierten Arbeiterhänden und ein paar Frauen, die ich als Bedienung im Speisesaal identifiziere. Die hierarchischen Unterschiede, die ich in meiner Abteilung besonders zu spüren bekomme, erschrecken mich. Die Werksarbeiter sind durchweg Mestizen mit stark indigenem Einschlag, in Mexiko „Morenos“ gerufen. Sie alle kommen in Bussen zum Werk. In den Verwaltungsgebäuden, in denen auch ich arbeite, sitzen Mexikaner*innen und Deutsche gleichermaßen, wobei die Abteilungsleiter*innen, die ich kennenlerne, durchweg Deutsche sind. Es herrscht eine sehr autoritätshörige Stimmung. In den wöchentlichen „Juntas“ (Besprechungen) traut sich kaum jemand der deutschen Abteilungsleiterin etwas zu entgegnen. Hinter verschlossenen Türen höre ich doppeldeutige Flüche über die Chefin, die ich nicht verstehe. Der absolute Knaller ist die Hektik, die ausbricht, als sich der VW-Oberchef Winterkorn aus Wolfsburg ankündigt. Schon zwei Wochen vorher werden die organisatorischen Abläufe geplant. Am Tag der Ankunft stehen Schlangen vor dem Eingang, die allesamt von Security-Kräften untersucht werden. Die große VW Fahne wird gehisst, dies geschieht nur, wenn hoher Besuch aus Alemania das Werk betritt. Es ist als kündige sich das deutsche Königshaus an. Ich stelle mich an die Schlange und werde nach einigen Minuten freundlich darauf hingewiesen, dass ich doch einfach hineingehen könne und nicht antehen brauche. Erst jetzt stelle ich fest, dass nur mexikanische Werksarbeiter in der Kontrollschlange stehen. Es ist ein Kreuz mit der Unterwürfigkeit in Mexiko. Salopp gesagt hörte man zunächst auf die Befehle der Aztekenkönige, dann auf die der Spanier, später auf die der US-Unternehmer. Begriffe im Alltag veranschaulichen das. In Mexiko sagt man für „Wie bitte?“ „Mandame“, was wörtlich „Befiel mir!“ heißt. Auch den Satz „Para servirle“, „Zu Ihren Diensten“, hört man an jeder Ecke.

Leichte Annäherungen an die mexikanische Bevölkerung

Als Paktikumsbetreuerin ergreife ich die Chance allen Neuankömmlingen von Mexiko zu berichten. Ich nehme sie an die Hand und zerre sie buchstäblich auf den Markt, um ihnen ein Tlagollo (Tortilla-Gericht) in den Mund zu stopfen. Das ganze hilft wenig, da sie bald mit den anderen Shoppingmalls und Sushi entdecken. Eine schier unglaubliche Auswahl an günstigen Waren überzeugt jeden Neuankömmling und die Angebote von MC Donalds, Starbucks und Co machte sie froh. Einige Monate nach meiner Praktikumszeit entdeckte ich auf der Facebook-Pinnwand einer ehemaligen Praktikantin die Worte; „Oh Gott, ich vermisse das Mc Flurry Oreo!“ Das war es also, was sie zurück in Deutschland vermissen sollten.

In Mexiko ist es gesetzlich verboten als Praktikant Geld zu verdienen. Dafür gibt es eine Praktikumspremie bei guter Leistung, die nicht an ein vergleichbares Praktikumsgehalt in Deutschland rankommt. Dafür wird den Praktikanten das kostenlose Auto sowie die Unterkunft zur Verfügung gestellt. Letztere muss aus eigener Tasche bezahlt werden. Die mexikanischen Praktikanten hingegen, haben keines dieser Privilegien. Keine Premie, kein Auto, keine Wohnungsvermittlung. Dafür tut VW viel für die Region. Jede Straße Pueblas ist von VW gesponsert, sowie zahlreiche Naturschutzprojekte. Für die ökologische Leistung bekam der Automobilhersteller einige Auszeichnungen. Fotos von Abteilungsleitern, die mit dunkelhäutigen Grundschulkindern Bäumchen pflanzen, zieren die ein oder andere Werkswand.

Abends treffen sich die Praktikanten zum Cocktailschlürfen in den Bars der Vergnügungsmeile Cholulas. Hier studieren die Mexikaner*innen, die sich die teure Universität „de las Américas“ leisten können. Während auf Arbeit eine strickte Trennung zwischen mexikanischen und deutschen Praktikanten herrscht, deren Wege sich kaum kreuzen, lernt man beim „After-Work-Drink“ und den Besäufnissen am Wochenende dann doch mal einen echten Mexikaner kennen. So mancher, der in Deutschland unglücklicher Single war, findet sogar die Liebe für´s Leben. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Begriff „Malinchista“ vor allem in Puebla weitverbreitet ist. Er bezeichnet eine Person, die sich an weiße Ausländer ranschmeißt, weil sie Geld und Prestige ausstrahlen.

Warum Einheimische unterstützen, wenn das goldene M am Start ist

Am Wochenende organisieren einige Praktikanten Ausflüge in die Umgebung. An der Wanderung auf den Vulkan „Malinche“ schließe ich mich an und kämpfe auf 4000 Meter Höhe mit meinen letzten Kräften. Ausgelaugt aber glücklich sitzen wir später am Fuße des Vulkans und lassen uns in den Stühlen eines bescheidenen Imbiss nieder. Plastikstühle, eine offene Garküche, ein Wellblechdach und ein kleiner Kiosk, das war wohl das ganze Vermögen des bäuerlichen Ehepaares, das sich emsig über die Kundschaft freut. Etwa zwölf Praktikant*innen kehren ein. Vereinzelte Mädels kommen schreiend vom Plumpsklo zurück: „So etwas ekliges habe ich mein ganzes Leben noch nicht gesehen!“ Ich bestelle Tortillagerichte, einen Maiskolben und ein kühles Bier. Dann der Ausruf, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde: „Ich hab jetzt so Bock auf einen geilen Burger, lasst uns gleich alle noch zu Mc´es fahren!“ Daraufhin stimmte ein Chor der Zustimmung ein. Ich verliere mich. Mit schriller Stimme gehe ich den armen Praktikanten an. Ich hatte mich bis dahin täglich in Zurückhaltung geübt, versucht meinen Horizont zu erweitern, zu verstehen, dass jede Ansicht ihre Berechtigung hat. Ich habe gelernt, dass es auch Mexikaner gibt, die den „US-Livestyle“ pflegen und keine Märkte sondern Kaufhöllen besuchen, kein Cumbias tanzen sondern David Guetta hören. Mir ist klar, dass sich die komerzielle Kultur bei aufsteigendem Wohlstand weltweit gleichschaltet und auch viele Mexikaner ziehen inzwischen den Burger der Tortilla vor. Aber in diesem Moment flippe ich aus: „Meint ihr nicht, ihr wollt lieber die Menschen in diesem Land unterstützen, die sich einen abkämpfen um das tägliche Brot zu verdienen? Findet ihr, ihr solltet euer gesamtes Geld in die Rachen der US-Firmen stecken, die weltweit die Märkte erobern und den einheimischen Einzelhandel kaputt machen? Denkt ihr nur weil der Burger schmeckt ist er besser als die traditionellen Maisgerichte, die frisch geerntetete Zutaten beinhalten? Dieses mexikanische Ehepaar hat sich über uns als Kunden gefreut und wann kommt ihr noch mal dazu echte mexikanische Küche zu probieren, wenn nicht hier?“ Verblüffte Stille. Dann bestellt einer ein paar Tacos. Die anderen fahren in stiller Übereinkunft zum nächsten MC Donalds. Am selbigen Abend macht meine Mitbewohnerin den Tag perfekt, als sie mir selbstbewusst ins Gesicht sagt, sie mache das Praktikum nur, um Ihren Lebenslauf aufzupolieren. Ein großes Unternehmen in einem außereuropäischen Land schlägt schließlich zwei Fliegen mit einer Klappe: professionelle Arbeits- und Auslandserfahrung. Es gehe ihr nicht darum in die Kultur einzutauchen, die sei ihr suspekt. Sie möge die Mentalität der Mexikaner nicht, die vorne herum lächeln und hinterrücks über einen herzögen und ich solle das doch bitte  verstehen. Sie hätte sich schließlich nicht umsonst ein deutsches Unternehmen gesucht.

Reisebericht Westmalaysia

Malaysia vereint die Kulturen

 

Reiseroute: Kuala Lumpur, Langkawi, Penang/George town, Cemeron Highlands, Taman Negara, Melaka

 

Malaysia – das ist Little India, Chinatown, arabische Anlagen, englische Kolonialbauten, holländische Windmühlen, portugiesische Siedlungen und malayische Märkte. An einem Tag bete ich in einer Kirche, lausche den Mantras der Hindu-Tempel, wandele durch Moscheen und beräuchere chinesische Ahnenaltäre. Der Zauber Malaysias steckt in der Erfahrung von Einheit und Harmonie.

 

Ich stelle mich darauf ein, ein wandelnder Geldbeutel zu sein

 

Vor der Abreise habe ich keine Vorstellung vom Land. Um ehrlich zu sein, die Suche nach einem günstigen Flug in die Ferne brachte uns auf Malaysia. Ich erwarte ein asiatisches Fernreiseziel für abgespannte, wärmesuchende Europäer, die in ihrer touristischen Blase nicht ansatzweise mit dem Alltag der Bevölkerung in Berührung kommen und Einheimische, die an jeder Ecke Reisetouren, Essen, Souvenirs oder Taxis anpreisen und wütend werden, wenn man ihre Dienstleistungen nicht in Anspruch nimmt. Meine bisherigen Reisen brachten neben schönen Erlebnissen auch immer nervige Auseinandersetzungen mit kulturellen Mauern. Das gipfelt bei Eltern, die ihre Kinder aufstacheln, um meine Münzen zu ergattern. Für sie bin ich ein wandelnder Geldbeutel. Der Tiefpunkt ist erreicht, wenn ich wütend auf unschuldige Kinder werde, obwohl mein Wohlstand auf der Ausbeutung ihrer Länder aufbaut. Nicht selten endet der Urlaub im Weltschmerz. Doch in Malaysia werde ich nicht angebettelt, nicht angefasst und noch nicht einmal angestarrt. Straßenkinder gibt es nicht und die Einheimischen lächeln mich freundlich und mit respektvollem Abstand an. Alles ist anders.

 

Wo geht´s hier nach Chinatown?

 

Der lange Flug ist ideal, um mit meinem Freund eine Reiseroute für 23 Tage auszuarbeiten.Zur Stressvermeidung nehmen wir uns einen übersichtlichen Abschnitt vor: die Westküste Westmalaysias. Eine ganzjährig bereisbare Region, in der es keinen Monsun gibt. Bei Durchschnittlichen 30 Grad sind vorüberziehend Schauer angenehm. Von der Hauptstadt Kuala Lumpur aus soll es über die Strände der Insel Langkawi an der Grenze Thailands zur Weltkulturerbestadt George Town auf der Insel Penang gehen. Zur Abkühlung ins gebirgige Wanderparadies Cameron Highland. Zum Schluss in den tropischen Dschungel des Nationalparks Teman Negara und in die historische Hafenstadt Melakka. Durchschnittliche Busfahrzeiten: 5 Stunden. Super machbar. Kurz vor der Landung suchen wir einen Stadtteil in Kuala Lumpur aus, den wir ansteuern. Die Wahl fällt auf Chinatown, das für Nachtmarkt, Essensstände und günstige Unterkünfte berühmt ist.

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Irgendwie vermischt Malysia manchmal ein paar Religionen zum neuen Design

Schnell wird klar, dass Malaysia moderner ist als ich. Mit meinem vorsintflutlichen Netbook hinke ich den I-Pads, -Pods und -Phones hinterher, die Einheimische in den Händen halten. Eine hochmoderne Schnellbahn führt in die Stadt, wo wir uns in einer futuristischen Metrostation inmitten vom Gewirr stählerner Gänge wiederfinden. So stelle ich mir Hong Kong vor. Blicke auf U-Bahn-Pläne ändern nichts an der Orientierungslosigkeit. „Wo geht´s hier nach Chinatown?“, frage ich einen jungen Mann. Zu meinem erstaunen spricht er ein klares Englisch, wie viele Malaysier und begleitet mich zum Ticketautomaten. Er zieht Fahrscheine und erklärt den Weg. Seine übereifrige Hilfe macht mich misstrauisch. „Kram schon mal Kleingeld raus, wie viel müssen wir jetzt geben?“, zische ich meinem Freund zu. Aber der Mann lächelt nur, wünscht eine gute Reise und verschwindet. Auf den Straßen fallen mir lächelnde Gesichter auf, die uns zurückhaltend willkommen heißen. Schon jetzt überkommt mich ein wohliges Gefühl von Harmonie. Es zieht sich durch den ganzen Urlaub. Der Nachtmarkt Chinatowns verläuft über zwei Fußgängerzonen. Es herrscht ein gemütliches Treiben. Über uns leuchtet ein Dach aus roten Laternen. Als ich mich umschaue, staune ich. „Chinatown“ kommt nicht von ungefähr. Hier sind ja nur Chinesen! Gackernde Mädels ziehen im Hello-Kitty-Outfit vorbei. Eine chinesische Reisegruppe, oder Einheimische? Während der Unterschied woanders ins Auge sticht, bleibt es uns in Malaysia oft ein Rätsel, wer Einheimisch und wer Tourist ist. Wir sehen mehr arabische und asiatische Urlauber, als Reisende der westlichen Hemisphäre. Es gibt keine Kluft zwischen reichen, weißen Urlaubern und armen, dunkelhäutigen Einheimischen. Viele Asiaten und Araber sind wohlhabender als wir. Ein Blick in unseren Reiseführer klärt uns auf: Die Kulturgrenze verschwimmt, weil Malaysia nur zur Hälfte aus Malayen besteht. Fast ein Viertel der Malaysier sind Chinesen, 11 % indigene Ethnien und 7 % Inder. Das Land wurde Jahrhunderte lang von Engländern regiert, die indische Arbeiter mitbrauchten. Die Chinesen flohen einst aus ihrer Heimat nach Malaysia und wurden geschäftige Händler. Seit 1953 ist Malaysia unabhängig.

 

Blick über Kuala Lumpurs Nachtmarkt

Blick über Kuala Lumpurs Nachtmarkt

In einem der Freiluftrestaurants esse ich eine Nudelsuppe, trinke eine Kokosnuss und genieße es nach monatelangem Alltag die ersehnte tropisch, dicke Luft zu atmen und in das Straßenleben eines Landes eintauchen, das keinen Winter kennt. Die Suppe ist spitzenmäßig und das Beste ist, der Kellner lacht mich aus, als ich erklären will, was vegetarisch bedeutet. Sonst wird mir im Ausland immer Hühnchen angeboten, wenn ich sage, dass ich kein Fleisch esse. Aber klar, die indischen Malaysier ernähren sich vegetarisch und die muslimischen Malayen essen kein Schwein. Als Kellner braucht man hier den Durchblick. Auf dem Heimweg stolpern wir über eine Tanzaufführung, farbenfroh und mitreißend. Leider werden wir auf die Bühne gezogen. Peinlich! Aber ich liebe das Land schon jetzt. Ein Gefühl sagt mir, dass ich loslassen darf.

 

Kuala Lumpur tanzt malay

Kuala Lumpur tanzt malay

Heiratende Hindus, Spielwütige Chinesen und Muslimische Überzeugungsarbeit

 

In Kuala Lumpur gibt’s viel zu sehen. Das moderne Vorzeigeviertel, das „Goldene Dreieck“, lassen wir links liegen. Wozu stählerne Twintowers, schickimicki Bars und Wolkenkratzer sehen. Das gibt’s überall. Im Gegensatz zu den nur fünf Gehminuten entfernten chinesisch-taoistischen und hinduistischen Tempeln unweit von der Nationalmoschee. Unglaublich wie nah hier an verschiedenste Götter gebetet wird. Malaysia scheint ein religiöser Schatz zu sein! Technischer Fortschritt und uralte Traditionen schließen sich nicht aus. Als ich die indischen Männer und Frauen vor dem Hindu-Tempel sehe, die wie in Trance Blumenkränze flechten und sich unterhalten, geht mein Herz auf. Ich will auch den ganzen Tag Blumen flechten und quatschen. Das Geschäft läuft gut, gebetet wird immer und ein paar Blumen sollte man Shiva, Lakshmi und Ganesha schon mitbringen, also kaufen wir welche. Im Tempel trommelt ein Inder im weißen Gewand und singt Mantren. Es klingt nach fernen Welten.

 

Das Mantren Universum im Hindutempel Chinatowns von Kuala Lumpur

Das Mantren Universum im Hindutempel „Sri Mahamariamman“

Der taoistische Tempel erscheint weniger andächtig. Vier Chinesen sitzen an einem Tisch und essen Mittag. Im Tempel. Verrückt. Ein paar Schritte weiter ordnet eine Chinesin Räucherstäbchen in ein Regal, das sich über die gesamte Wand zieht und fünf Trillionen Räucherstäbchen zählt. Ich habe gelesen, dass es hier einen Gott für Prüfungen, Kunst und Literatur gibt. Da ich in der Bewerbungsphase stecke und ein Buch schreiben will, möchte ich den Gott unbedingt um seine Gunst bitten. Doch welcher ist es? Gegenüber vom Eingang stehen drei langbärtige Hauptgötter. Links und rechts daneben zwei weitere. Ich beobachte, wie chinesische Geschäftsleute im schicken Armani-Anzug ihre Mittagspause nutzen, um zu beten. Sie entzünden drei Räucherstäbchen pro Gott und stecken sie in eine mit Sand gefüllte Schale. Das kann ich auch. Die Dame am Regal reicht mir eine Packung Räucherstäbchen. Ich muss hilflos wirken, denn schnell kommt eine ältere Dame, um mich in die Kunst der Anbetung einzuweihen. „This is happiness and good luck for students!“ Sie zeigt auf den rechten Gott. Zur Prüfungszeit sollen hier Schlangen von Studenten stehen. Sie zündet ein Bündel Räucherstäbchen an, wedelt damit rum und gibt sie mir zurück. Jetzt wedel ich vor dem Gott und sage mein Gebet auf. Die Dame meint, ich solle mich dem Gott vorstellen. „Hallo ich bin Caterina aus Deutschland…“ Aus Respekt gehe ich von Raum zu Raum, von Gott zu Gott und stelle mich vor. Nur einen einzigen anbeten scheint nicht gut anzukommen, jeder muss mit Räucherstäbchen bewedelt werden. Nach einer gefühlten Stunde bin ich fertig. Die Tempelwächter verabschieden mich lächelnd. Sie freuen sich, dass ich zu ihren Göttern bete. Am Ausgang erblicke ich drei Männer, die um Geld Karten spielen. Im Tempel! Unfassbar.

 

Im chinesischen Ahnentempel "Sin Sze Si Ya" im Herzen Chinatowns

Im chinesischen Ahnentempel „Sin Sze Si Ya“ im Herzen Chinatowns

Mit der U-Bahn erreichen wir die „Batu Caves“. Ein gewaltiges Höhlensystem, das über 400 Millionen Jahre alt sein soll und eine hinduistische Tempelanlage birgt. Am Eingang des ersten Tempels begrüßt uns Hanuman, der Affengott und wacht über eine indische Trauungszeremonie. Ein strahlender Brautvater drückt uns Schachteln mit Nüssen und Bonbons in die Hand. Wir kommen pünktlich zum Ja-Wort. Die wunderschöne Braut ist voller Henna-Tattoes und hat sicher eine lange rituelle Nacht hinter sich. Sie wirken andächtig und glücklich. Auf dem Weg zum Haupttempel stolpern wir über eine Horde Affen. Ich will sie streicheln, aber die Tierchen sind gefährlich. Vor uns reißen sie drei indischen Frauen die Plastiktüten aus der Hand und fletschen die Zähne. Erst jetzt bemerken wir, dass der ganze Tempel voller Affen ist, die Cola trinken und Bonbons auspacken. Vor dem Haupttempel stockt uns der Atem. 272 Stufen führen eine gigantische Treppe zur Haupthöhle hinauf und werden von einer 42 m hohen, weltweit größten Murugan Statue bewacht. Die kühlen, tropfenden Grotten machen die Mühe des Aufstiegs wett. Ein mystisch, schauriger Ort. Sehenswert, obwohl man nichts sieht, ist auch die schwarze Höhle, die nur mit Führung, Helm und Taschenlampe zu besichtigen ist. Unser Guide, eine Höhlenforscherin, vermittelt uns enthusiastisch das Ökosystem Höhle. Ich muss lachen, als ich an die Führungen in Mexiko denke, wo die Guides zeigen, welcher Stalagmit wie eine Jungfrau und welcher Stalaktit wie ein Jesus aussieht. Dagegen bekommen wir hier eine wahre wissenschaftliche Einführung und erfahren, dass in der Höhle der weltweit einzige Wurm lebt, dessen Teile weiterleben, wenn man ihn durchschneidet. Gruselig. Wie kann man das uralte Tempelleben mit dieser hochmodernen Realität vereinen? Wenn uns das zu Hause nur gelänge!

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Das Ja-Wort auf indisch im Hindu-Tempel der Batu Caves im Norden Kuala Lumpurs

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Wo Hanuman-der hinudistische Affengott waltet sind seine treuen Gesellen nicht weit

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Der steile Weg in die Batu Caves

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Die Affen gehen ab

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In den Batu Caves

 

Erst jetzt laufen wir durch das Malayische Viertel und sehen typische Malayen. Die Großstadtmädels tragen Jeans oder geschmeidig fallende, bunte Röcke in wunderschönen Stoffen. Das passende Kopftuch mit Glitzersteinchen darf nicht fehlen. Die Männer sehen unspektakulär aus: lange Hose, langes Hemd, kurze Haare. Eine Bazarstraße führt zu einer prachtvollen Moschee und formt ein Labyrinth von Ständen. Ein Händler neben dem anderen bietet strahlende Stoffe und wallende Kleider an. Saris für Inderinnen, Baumwollkleider für Malayinnen, Seidenoberteile für Chinesinnen, Burkas für arabische Frauen und sogar japanische Kimonos. Ständig bleibe ich stehen, weil ich denke einen schicken Minirock zu erspähen, doch immer sind es extravagante Kopftücher. Ich hätte nie gedacht, dass die so vielseitig sein können und bekomme fast Lust eins zu tragen. Das muss ich auch, als wir die gewaltige Nationalmoschee betreten.

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Kopftücher in allen Farben säumen die Marktstände

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Garküchen mit malyischer Kost

Vor dem Gebetssaal fängt uns ein Moslem ab und erzählt, dass man im Islam keine Statuen anbetet. Der leere Gebetssaal wirkt so groß wie drei Fußballfelder, ihn umgibt eine besondere Atmosphäre.

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Handel ohne Grenzen auf dem Straßenmarkt in Kuala Lumpurs Norden

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Ungünstig wenn der unwissende Touri zur muslimischen Gebetsstunde kommt – dann heißt es auf den Einlass in die Moschee warten

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Das warten lohnt sich – die mayestätische Nationalmoschee umgibt eine zauberhafte Atmosphäre

„Wusstet ihr, dass wir in Malaysia die größte Hindustatue der Welt haben? Das funktioniert nur, weil hier der Islam regiert, eine Religion, die nicht missioniert und jedem seinen Glauben lässt!“

Obwohl mir klar ist, dass diese Unterhaltung müßig wird, muss ich entgegnen, was der freundliche Moslem erwartet:

„Aber es gibt doch Moslems, die für ihren Glauben morden?“

„Ich freue mich, dass westliche Menschen unser Land bereisen und erkennen, dass der Islam nicht das Schreckgespenst ist, was eure Medien propagieren. Wir sind keine Gefahr, sondern eine friedliche Religion! Als wir früher in Spanien waren, durften die Christen und Juden ihren Glauben ausüben. Als die Christen Spanien einnahmen, gab es Zwangskonversionen und Morde.“ „Und die Frauenrechte?“

„Im Islam sind Frauen das Wertvollste, was wir haben! Deshalb müssen wir sie schützen. Die meisten Frauen sind sehr schüchtern. Deshalb wollen sie nicht angeschaut werden. In den Moscheen dürfen sehr schüchterne Frauen in extra Kabinen beten. Sie dürfen aber auch auf die Empore und stehen dann über den Männern.“

„Und warum müssen sie sich bedecken?“ „Keine Frau muss sich bedecken“, erwidert der Moslem und verwirrt mich. In meiner Klamotte fühle ich mich inzwischen sehr seltsam. Das Kopftuch gibt Schutz, erzeugt aber ein Gefühl von Zurückhaltung. „Gott sagt, dass Frauen nur ihre Hände, Füße und ihr Gesicht zeigen sollen, so steht es im Koran und in der Bibel. Ganz schüchterne Frauen wollen nicht mal ihr Gesicht zeigen. Aber das ist die Entscheidung jeder einzelnen Frau!“ Ein Totschlagargument. Gott will, dass wir uns verschleiern. Was soll ich da sagen. Als der Muezzin zum Abendgebet singt, müssen wir gehen.

 

Zwischen Burka und Bikini

 

Als die Beine müde vom Asphalt und die Lungen satt von der Stadtluft sind, erklären wir uns reif für die Insel: Vamos a la playa! Oder auf Malay: Kami pergi ke pantai. Das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturkreise ist nirgends so eindrucksvoll, wie am Traumstrand von Langkawi. Die westlichen Frauen erkennt man am Bikini und an krebsroter Haut. Die Malaysierinnen baden mit Jeans und Kopftuch. Völlig abgefahren find ich die arabischen Touristen. Das ist schon ein seltsames Bild, wenn Frauen in schwarzen Burkas am Strand unter praller Sonne entlang laufen, ins Meerwasser waten und ihre schweren Stoffe über den Sand schleifen. Selbst die Augen mit Schleiern bedeckt. Und an ihrer Seite? Ein braungebrannter Ehemann in kurzen Shorts. Mag sein, dass die Frauen das wollen, aber es kommt mir ungerecht vor. Trotzdem bin ich fasziniert von der Selbstverständlichkeit, wie hier jeder tragen darf, was er möchte, ohne Aufsehen zu erregen. Sind die Menschen tolleranter als ich? Ich scheine die Burka weniger zu akzeptieren, als die Moslems meinen Bikini.

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Chillen auf der Terasse vom gemieteten Eigenheim auf Langkawi

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Stammlokal mit super leckerem „Rati susu“ verwanndt mit Pfannkuchen/Eierkuchen und Milchmädchen

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Traumstrand auf Trauminsel

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Am Wochenende betreiben die Großstädter Beach-Activitys auf Lankawi

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Hoch hinaus – die Seilbahn fährt von Null bis auf 708 Meter zum Gunung mat Cincang hinauf

Hinter dem Strand reihen sich Kleidermärkte und Freiluftrestaurants aneinander. Wir genießen täglich “Roti susu”, eine Art süßer, indischer Crêpe und übernachten in einem sauberen Häusschen. Für Aircondition, eigenem Bad und Terasse zahlren wir 7 Euro pro Person. Malaysia ist für seinen hohen Standart äußerst günstig. Leider zieht die steuerfreie Insel Autofahrer an. Der Nachteil vom Paradies. Ohne motorisierten Untersatz kommt man schwer vom Fleck. Fahrradfahren sehe ich bei gefühlten 40 Grad nicht ein. Spazieren auf befahrenen Teerstraßen ist blöd. Also schön am Strand geblieben und mal nach links, mal nach rechts gelaufen. Ein Highlight sind die Strand-Spaß-Angebote. Warum nicht mal zum Schnorcheln aufs Meer fahren lassen. Die anderen Touristen empfinde ich als überraschend angenehm und umsichtig. Viele denen wir in Bussen und Bars begegnen sind mitte Dreißig und reisen ein paar Monate, da sie sich zwischen zwei Jobs befinden. Beim Schnorcheln mit bunten Fischen und kleinen Haien lernen wir nette Mädels aus Jamaika, den USA, Australien und Irland kennen. In einer nächtlichen Strandbar mit Raggaemusik und saftigen Cocktails werten wir die Urlaubserfahrungen aus.

 

Little Bollywood in George Town

 

Während Langkawi eine typische Strandinsel ist, birgt die südliche Nachbarinsel Penang Großstadtfeeling. Die Weltkulturerbestadt George Town sorgt mit Bars, Straßenkunst und Restaurants für heiteren Trubel. Vor unserem Hostel laden Plastikstühle vor chinesischen Garküchen zum Snacken ein, wir probieren alles und sind begeistert von glibbrigen Sesambällchen, die mit Pflaumenmus gefüllt sind. Von hier aus machen wir verschiedene Tagesauflüge mit den Linienbussen. Besonders beeindruckt mich der “Spice Garden”. Nie zuvor habe ich gesehen wie Zimt, Kardamom, Nelken, Vanille und andere Gewürzarten aus dem Boden wachsen. Bei einer Führung durch das Gartenlabyrinth lernen wir Thomas aus Göttingen kennen, der uns zu einem Grillabend in sein Hostel einlädt. Es gibt Hähnchen, nur Hähnchen. Ich beschäftige mich mit trinken und schaue neugierig in die Runde. Man erzählt uns, dass Viele wochenlang in George Town hängen blieben, obwohl sie nur zwei Nächte bleiben wollten. Was die Stadt genau ausmacht ist schwer zu sagen. Es scheinen weniger die Antiquariate, Kunststände, Restaurants und Cafés zu sein, als viel mehr der reizvolle Mix aus Dynamik und Gelassenheit. Menschen verabreden sich zum Volleyball spielen, Sportevents finden statt, religiöse Rituale und Umzüge ziehen durch die Straßen und gesellige Märkte säumen die Plätze. Das Lebensgefühl zieht Durchreisende in ihren Bann. Der Initiator unseres Grillabends ist ein asiatisch anmutender Mann, der in einem US- Getthoslang redet und jeden Satz mit “oh man” beendet. Er sei in Malaysia geboren, habe seit seinem 4. Lebensjahr in den USA gelebt und sei nun auf den Spuren seiner Herkunft. Neben ihm ein Engländer, der seit 7 Jahren durch die Welt reist und mit 5 Pfund in der Tasche loszog. Ein australisches und ein irisches Pärchen reden in schnellem Englisch, das ich kaum verstehe. Neben mir sitzt ein US-Amerikaner, dessen Mutter von den Phillipinen und dessen Vater aus Japan stammt. Allen fällt die Kinnlade herunter, als eine schüchterne chinesisch anmutende Studentin am Tisch verkündet, sie sei Russin. “Du bist doch keine Russin, du kommst doch ganz klar aus China!”, entgegnen die forschen US-Asiaten etwas rabiat. Leider verunsichern sie die Russin damit sehr. Man könnte sagen das westliche “Großmaul” mit dem Herz auf der Zunge prallt auf die zurückhaltende, ruhige Menthalität der mongolischen Grenzregion. Gelebtes Multikulti. Am nächsten Tag spazieren wir mit dem irischen Paar durch die Stadt und bewundern die Straßenkunst an den Fassaden. Außerdem gelingt es uns an einem einzigen Tag eine Moschee, einen Hindutempel, einen Taotempel und eine Kirche zu besuchen. Damit ist mein Urlaubsziel erreicht. Als Fan indischer Weisheiten und Kochkünste quirle ich über vor Freude, als wir in die Straße einbiegen, die mit “Little India” betittelt ist. Passender wäre “Little Bollywood”. Aus zahlreichen Läden tönt lauthals mitreißende Bollywoodmusik und die Schaufenster sind überfüllt mit bunten Saris, prunkvollem Schmuck und Bauchtanzgeschmeide. Ein Traum. In einem Straßenrestaurant genieße ich indisches Essen und Flair ohne die indische Hygiene erleiden zu müssen.

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Die Weltkulturerbestadt George Town auf der Insel Penang versteckt Streetart vom feinsten in seinen verwinkelten Gassen

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Obacht!

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Little India birgt Bazare mit exquisiten Tinkturen, glitzerndem Schmuck und edelsten Speisen

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Auf dem „Red Market“ in George Town, die Tische sind umringt mit Garküchen thailändischer, indischer, koreanischer, chinesischer und noch viel mehr Kost und Spezialistäten

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Die Nationalfrucht Malaysias „Duran“ schmeckt wie ein Milchshake aus Zwiebeln, Knoblauch und Käsefuß – lecker

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I want to ride my …

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Außerhalb George Towns birgt die Insel Penang Tempel und Gärten

 

Saftiges Grün im vorgetäuschten Paradies

 

Von vielen Eindrücken gefüllt, schalten wir in den kühlen, waldigen und hochgelegenen Cameron Highlands vom Trubel der Städte ab. Drei Tage wandern wir von unserem Hostel in Tanah Rata aus los und bewältigen menschenleere Dschungelpfade. Die Wanderwege auf den Karten täuschen ein System vor, das mit der Realität wenig gemein hat: wir blicken auf überwucherte Vegetation an steilen Hängen. Doch wir fuchsen uns durch und kommen immer irgendwo raus, wo uns ein Bus oder Taxi zurück zur Bleibe bringt. Die Region ist ein grünes Paradies, das leider von Tourismus und Plantagenwirtschaft bedroht ist. Wie unsere Bausünden der 70er Jahre, ragen hier hässliche Massenhotels aus dem Boden. Die Natur bestraft die Bauherren mit Erdrutschen. Man kann den einstigen Urwald noch erahnen, doch die angenehm kühle Höhenlage juckte schon in den Fingern der Engländer. Sie begannen mit Abholzung und Monokulturen, noch heute ist das Teeanbaugebiet der Cameron Highlands ein Exportschlager und die Plantagen ein touristischer Anziehungspunkt. Reihenweise Palmölplantagen gesellen sich dazu. Mit ihren saftig grünen Pflanzen sehen die endlosen Plantagen malerisch schön aus, drehen die einheimische Vegetation aber auf den Kopf. Zum Glück muss für den Tourismus das bisschen Urwald erhalten bleiben, dass wir für abenteuerliche Wanderungen brauchen. Es tut gut durch die schlammigen Böden zu rutschen, sich an Lianen zu hangeln und den kaum beschilderten Wanderweg ins Dorf zu suchen. Der Nervenkitzel, ob man es noch bei Tageslicht schafft zurück zu kommen sorgt für Spannung. Abends belohnen wir uns mit Fußreflexzonenmassagen und leckerem Essen.

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Saftiges Grün auf den Teeplantagen der Cameron Highlands im kühlen Hochland Westmalaysias

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Die Schönheit trügt ein wenig: einstige Artenvielfalt ist heute reine Monokultur, nirgends ist die Erde so fruchtbar wie im kühlen Hochland der Cameron Highlands

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Für Malayen sindd ie saftigen Cameron Highlands ein beliebtes Ausflugsziel, offensichtlich auch für Hochzeitsfotos

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Die djungeligen Wege sind oft schwer zu erkennen aber extrem genial zum Krackseln und Entdecken

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Malayische Kiddies toben in den verkehrsberuhigten Wohnvierteln der Cameron Highlands

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Die Water-Coconut scheint eine weitere Spezialität, in der harten Schale verbirgt sich jedoch kaum Fruchtfleisch, trotzdem spannend

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Urige Vegetation die lange vorm ersten Menschenkind die Erde bewohnte

 

Der älteste Dschungel der Erde

 

Eine lange Bootsfahrt entlang wuchernder Natur führt uns zum 140 Mio Jahre alten Dschungel im Nationalpark Taman Negara. Die Häuser im Ausgangsort für Wanderungen wurden sanft in die Natur eingepflegt, von Monsterhotels keine Spur. Wir beziehen eine Hütte und begrüßen kleine Spinnen sowie den Hausgecko. Eine Fähre über das erdige Wasser führt zu den Trails. Der Dschungel wurde bislang weitestgehend sich selbst überlassen und scheint endlos. Die Treckingwege bieten Touren für 1 bis 14 Tage und führen in die Tiefen einer Welt, die von Tieren und Pflanzen regiert wird. Für Menschen ist es lebensfeindlich, ich mache drei Schritte und bin über und über mit Schweiß, obwohl ich mit einer angeborenen Schwitzlosigkeit gesegnet bin. Auch Herzprobleme kenne ich nicht, doch aufeinmal höre ich mein Herz wummern. Es ist unfassbar heiß, die Wege führen auf und ab und bei Anstiegen habe ich das Gefühl kaum voran zu kommen. Die erste Erkundung machen wir ohne Guide und stellen fest, dass die Karte mal wieder nur ungefähre Wege abbildet. Wir verlaufen uns auf dem Rundweg und müssen nach einer Stunde wieder alles zurückgehen. Am Abend essen wir im schwimmenden Restaurant auf dem Fluss. Es ist nicht besonders lecker, eher nahrhaft, man ist eben im Outback. Aber das Ambiente ist traumhaft. Nachts überkommt mich eine Erkältung. Unmöglich die Tour mitzumachen. Ich beschließe mich heute vor unsere Hütte zu setzen und die Bewohner des Nationalparks zu beobachten. Sie alle vermieten Hütten, verkaufen Souvenirs, kochen oder bieten Führungen an. Ein paar Männer sitzen vor der provisorischen Rezeption unserer Hüttenanlage, die mit Computer und Wlan ausgestattet ist. Der Alltag geschieht in absoluter Ruhe. Unsere geschäftige Schnellebigkeit würde hier zum Herztot führen. Die Männer reparieren den ganzen Tag einen Stuhl. Sorgfältig begutachten sie ihn, holen Werkzeug und besprechen das Vorgehen. Am Ende des Tages werden sie sagen “Heute haben wir den Stuhl repariert!” Dieses Leben kommt mir unfassbar richtig und gesund vor.

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Der Weg in den Nationalpark „taman negara“ in Westmalaysia führt über einen Urwaldartigen Fluss durch tropisches Gefilde

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Die Lancha transportiert abenteuerlustige Touris in den abgeschiedenen Regenwald

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Das tropische Klima ist Lebensraum für süße Vögelchen

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…aber auch für extrem ekelhaftes Insektengefleuch

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Doch jedes Geschöpf hat wohl seine Schönheit und Berechtigung

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Die Hütte im Regenwald, nicht sicher vor Spinnengetier aber mit allem Notwendigen ausgestattet

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Der Blick in die unendlichen Welten des tropischen Regenwaldes von Westmalaysia, der riesige „Taman Negara“

 

Mein Freund bekommt währenddessen vom Tracking nicht genug. In der Welt von Riesenspinnen, Tausendfüßlern und Lianen jagen ihn Hochgefühle. Er ergreift die Gelegenheit einer privaten Nachtführung. Der Guide leuchtet routiniert auf seltene Tiere. Er weiß genau unter welchem Blatt und an welchem Stock seltene Vögel, Vogelspinnen, Stabheuschrecken und Minizwergrehe lauern. Das Highlight folgt nach der Aufforderung “Taschenlampe aus”. Wie im Märchen leuchten floureszierende Pilze im grünlichen Licht.

 

Die Hafenstadt Melakka

 

Trotz Abenteuerlust war ich froh den Nationalpark zu verlassen. Ich begegne lieber Menschen, als Stabheuschrecken. Also freu ich mich auf Melakka. Dieser Ort riecht geschichtsträchtig und mich überkommt neue Lebensenergie. Ich will wissen, wovon die alten Gebäude Melakkas berichten. Ein Nationalmuseum auf einem riesigen Schiff klärt uns auf. Melakka war der Umschlagsort aller Seefahrer, als Singapur noch ein Dorf war. Holländer, Engländer und Portugiesen besetzten die Stadt. Eine holländische Mühle, englische Kirchen und eine portugiesische Siedlung sind Zeitzeugen.

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Die europäischen, hier holländischen Wurzeln sind in Melakka tief verankert und unverkennbar

Ästhetisch ist Melakka einzigartig. Abends verwandelt es sich in ein asiatisches Paris. Eine romantische Flusspromenade führt durch die koloniale Altstadt. Orange Laternen säumen den Weg und beleuchten rote Kolonialgebäude. Diese Weltkulturerbestadt strotzt mit Forts und Kultstätten. In den verwinkelten Gassen findet ein Nachtmarkt statt. Hier floriert der Handel wie eh und je. Schöne Kleider, Schuhe und asiatische Heilmittel wie Ohrenkerzen wecken meine Neugier. Ein grinsender Chinese drückt meinem Freund eine Packung in die Hand und ruft lauthals: „longer, stronger, bigger!“ Wir lehnen das Potenzmittel dankend ab.

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Die typischen roten Kolonialgebäude im historischen Zentrum von Melakka

 

Am letzten Abend besuchen wir einen evangelischen Gottesdienst. Zwischen den englischen Führbitten und Predigten, die per Powerpoint an die Kirchenwand geworfen werden, singen die Menschen klatschend und tanzend Gospellieder. Mal wieder bin ich begeistert, wie verschiedenste Kulturkreise miteinander feiern. Doch zuletzt wird meine naive Sichtweise in Frage gestellt. Ein chinesischer Künstler, der T-Shirts herstellt erzählt uns in seinem Laden von seinem Leben. Er ist fünfundzwanzig, schnell auf unserer Wellenlänge und beurteilt sein Land kritisch: „Die Politiker tun so, als ob alle Malaysier gleich seien und werfen gegnerischen Parteien Rassismus vor. Doch in Wirklichkeit gab es schon immer Malayen und Malaysier. Malayen sind Moslems, während Malaysier Inder und Chinesen wie ich sind. Meine Uroma kam in dieses Land, doch noch in meinem Reisepass steht, dass ich ein chinesischer Malaysier bin. Für mich ist es schwerer in die Universitäten zu kommen, da dürfen nur 30 % non-moslems studieren. Beamter zu werden ist faktisch unmöglich.“ Diese letzte Unterhaltung trübt mein Bild ein wenig, dabei war es eigentlich klar, dass hinter der schönen Fassade Konflikte stecken. Später höre ich vom harten Vorgehen Malaysias gegen Homosexuelle. Trotzdem. Ich bleibe bei meinem Gefühl, dass es in Malaysia viel Harmonie, Friede und Hilfsbereitschaft gibt. Das Miteinander verschiedenster Kulturen schafft ein Understatement, was Parteien nicht beeinflussen. Ich kehre mit der Einsicht zurück, dass man trotz moderner Techniken und fortschrittlicher Industrie ganz anders leben kann.

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