Kategorie: Allgemein

Angst vor der eigenen Meinung

Das Hamburger Gängeviertel und der hierarchische Schweige-Kodex

Bei meinem Versuch ein Stimmungsbild im Gängeviertel einzufangen, beiße ich auf Granit. Als  Autorin mit einem Textauftrag für das Jugend-Online-Portal des Goethe Instituts werde ich mit den Worten: „Keinen Bock auf Presse“ abgespeist. Aktive, kreative und schlaue Menschen erschrecken, frage ich: „Was magst du am Gängeviertel?“  Sie beteuern unqualifiziert für ein Statement zu sein.

Seit 2009 haben sich im Hamburger Gängeviertel Kulturschaffende zusammengefunden und die Räumlichkeiten alter Fabrik- und Wohnhäuser vor dem Abriss gerettet. Sie erschufen ein Kulturzentrum das Freiraum für Musiker, Künstler, Galeristen, Kuratoren und politische Diskussionsgruppen ermöglicht. Eine kreative, alternative Begegnungsstätte und Keimzelle zahlreicher Projekte. Die Hamburger_innen sind eingeladen in die Genossenschaft des Gängeviertels einzutreten und aktiv zu werden. Neue Initiativen sind unter dem Motto „Komm in die Gänge“ immer willkommen, so verheißt der Internetauftritt: „Ob Foto-, Yoga-, oder Tanzkurse, ein umfassendes Freizeitangebot für wenig Geld lädt alle Menschen ein an Kursen teilzunehmen oder selbst welche anzubieten.“ Doch die Räume sind besetzt, nicht gemietet und die Zukunft des Viertels ungewiss. Es befindet sich nicht etwa im ewig verruchten St. Pauli oder im bunten Schanzenviertel, sondern mitten in der Innenstadt. Im schicken Hamburger Zentrum nahe dem Gänsemarkt wäre ein Neubau teurer Wohn- und Gewerbegebäude sehr lukrativ. Wozu Hausbesetzer dulden, wenn Millionen verloren gehen? Ein Grund für mich in das Viertel zu gehen und nach Stimmen zu suchen, die mir von der Faszination Gängeviertel berichten. Leider war dies komplizierter und frustrierender als erwartet.

„Ich bin ja nur Schwabe und kann dazu gar nichts sagen!“

Der Jahreszeitenwechsel spielt mir einen Streich: Es ist 20 Uhr als ich das Gängeviertel betrete und stock düster. Es ist still, dunkel und wirkt ausgestorben. „Das ist also das Gängeviertel“, denke ich. Es besteht aus großen, heruntergekommenen Häusern, die sanierungsbedürftig wirken. Alte Fabrikhallen sind mit künstlerisch, humoristisch und anspruchsvollen Graffitis besprüht. Die schmalen Innenhöfe sind mit buntem Schnick-Schnack geschmückt. Ganz nach meinem opulent kitschig-veranzten Geschmack. Aus einer Hauswand kommt ein Frauenbein. Groß ist das Viertel nicht, aber durch die hohen Häuser und die versteckten Wege wirkt es wie ein verwinkeltes Labyrinth. Die Türen zweier Häuser an der Hauptstraße sind angelehnt, dahinter sind weder Licht, noch Unterhaltungen zu erahnen. Stille und Dunkelheit umgeben den Ort. Ich gehe die finsteren Wege entlang und suche nach Menschen, die sich treffen, konspirative Gespräche führen, miteinander lachen und Fremde wie mich einladen, um sich zu ihnen zu gesellen. Ein Mann sprüht ein Grafitti. Im Fenster hinter ihm erscheint ein Raum, der einen Kreis musizierender Menschen in orangenes Licht hüllt. Schaurig-schön. Die Töne von Arkordion, Chello und anderen Instrumenten dringen durch das Mauerwerk. Der Sprayer fragt mich freundlich, ob ich jemanden suche und er mir helfen könne. Ich sage ihm, dass ich einen Artikel über das Gängeviertel schreiben möchte und Leute suche, die mir sagen, was sie ganz persönlich an dem Projekt begeistert. Er erschrickt: „Ich, ich bin ein Schwabe, ich komme gar nicht von hier, ich kann dir dazu echt nichts sagen.“ „Ach, jetzt haben die Schwaben wohl keinen Platz mehr in Berlin und überfluten Hamburg“, denke ich. Schade, dass sie glauben als Migrant keine Meinung haben zu dürfen. Ich frage den sprühenden Schwaben, wo ich in diesen Gemäuern Menschen antreffe, mit denen ich ins Gespräch kommen kann. Er meint es gäbe hier eine Bar, aber er wolle lieber jemanden rufen der sich auskennt. Er klingelt an der Tür. Ein essender Mann öffnet sie und schaut mich an. Ich frage ihn, wo sich hier die Leute treffen und erzähle, dass ich zwar offene Türen gesehen habe, es dahinter aber düster schien. „Ja weißt du“, antwortet er, „du musst dich schon trauen in offene Türen hineinzugehen, wenn du jemanden treffen willst!“  Er bemerkt meine Unsicherheit. Um die Ecke sei eine Bar, da könne ich Leute treffen, sagt er. Ich frage verlegen, ob er nicht vielleicht Bock hätte kurz zu sagen, was ihn am Gängeviertel fasziniert. „Ne echt nicht, ich steh nicht so auf Presse!“ Ich entlocke ihm, dass er hier sein Atelier hat und arbeitet. Ein anderer Mann kommt. „Der kann dir vielleicht was sagen“, sagt der Künstler. Erschrockene Augen schauen mich verwirrt an und eine ablehnende Aura signalisiert, dass auch er nicht mit mir reden mag. Ich finde die Bar und traue mich erstmal nicht hinein. Zwar sind solche Bars an denen der Putz herunterpröckelt genau mein Ding, aber die düstere Atmosphäre darin lässt mich vermuten, dass hier alternative, coole Leute abhängen, die auch keinen Bock auf Presse haben. Hier werde ich wohl niemanden finden, der seinen Namen veröffentlicht sehen will. Ich setze mich abseits der Bar auf einen Holzvorsprung und überlege.

„Hier sind viele liebe Menschen und man darf jede Initiative einbringen!“

Zwei junge Mädels kommen aus der Dunkelheit und laufen an mir vorbei. Ich mache einen erneuten Anlauf: „Hey, ich schreibe einen Artikel übers Gängeviertel, könnt ihr mir sagen, was euch persönlich daran begeistert?“ „Ja Klar!“, sagt die Erste und will direkt losplaudern. Ich unterbreche sie mit einem kleinen Aufschrei: „Echt?! Boa, das ist echt super lieb von euch!“ Das war unprofessionell. Nun hatten sie irgendwie registriert, dass es nicht normal zu sein scheint, über das Gängeviertel zu sprechen. Nach kurzer Verwirrung erzählen sie: „Es ist einfach super hier her zu kommen. Hier sind viele richtig liebe Menschen, man trifft sich gemeinsam und spricht miteinander. Alles ist selbstverwaltet, die Getränke werden nicht verkauft, sondern man gibt eine Spende. Keine übertriebenen Preise. Das coole ist vor allem, dass man hier nicht sinnlos abhängt, sondern sich über politische Ansichten austauscht! Man diskutiert über Themen.“ „Ja“, pflichtet ihre Freundin bei. „Man kann das Gängeviertel als Freiraum bezeichnen. Die Leute leben miteinander und engagieren sich. Wir sind politisch aktiv, es gibt aber auch viele, die eher künstlerisch unterwegs sind, hier ihre Ateliers haben, oder musizieren. Viele wohnen hier. Dann finden Partys und Veranstaltungen statt. Wenn man Bock hat eine Gruppe neu zu gründen, kann man das tun. Alle Ideen und Initiativen sind willkommen. Wir wollen bald eine Sportgruppe aufmachen!“ „Und gerade kommt ihr einfach von einem Aufenthaltsraum?“ „Nein! Wir kommen von einer politischen Gruppe, die sich über feministische Themen austauscht.“ Auf meine Frage nach Alter und Vorname reagieren die beiden unsicher. „Die Polizei macht hier Probleme, ich will nicht, dass mein Name auftaucht, du kannst mich Blume oder Sonne nennen!“ „Marisol?!“, schlage ich vor. „Ja das ist super! Mein Alter kann ich ja verraten, ich bin 21.“ Ihre Freundin antwortet geradeheraus „Ich bin Maria und 19 Jahre alt!“ Ein Foto mache ich besser nicht, sagen sie.

Ich bin nur Kuratorin und übernehme die Barschicht. Ich gehöre nicht zum aktiven Kreis.“

Ermutigt von der erquickenden Aussagefreude der beiden Mädels, die mir anschließend noch Glück wünschen, traue ich mich in die Bar. Die Bedienung ist eine herzlich wirkende Frau, die ich auf Ende Zwanzig schätze. Ich erzähle ihr von meinem Anliegen und frage sie indirekt, ob sie mir erzählen mag, was sie am Gängeviertel fasziniert. „Ich bin hier ja viel seltener als andere und gehöre nicht zum aktivsten Kreis. Deshalb solltest du lieber andere Leute fragen, die sich mehr engagieren als ich.“ Ich frage sie, was sie denn hier macht. „Ich kuratiere Ausstellungen und kann mich dabei frei entfalten. Viele Künstler bewerben sich bei mir und ich organisiere dann Ausstellungen, in denen die Werke zu einem Ganzen werden, ich überlege mir also die inhaltliche Linie. Momentan sind leider keine Ausstellungen, aber wir bereiten die Nächste vor. Das läuft hier so, dass man die Räume als Atelier, Galerie oder Ausstellungsraum nutzen kann, aber dafür einen Teil zur Gemeinschaft beiträgt, also eine Barschicht, wie ich gerade, oder eine Reparatur. Die Gebäude standen ja leer und sollten abgerissen werden, wir nutzen sie jetzt sinnvoll und kümmern uns um die in Stand Haltung. Wir zahlen momentan keine Miete, also geht es darum die Nebenkosten zu decken und überall Licht und Wasser zu installieren. Aber wie gesagt, ich kann dir da wirklich wenig sagen, du solltest besser mit jemandem sprechen, der hier richtig aktiv drin ist. Das Mädchen was gerade auf Toilette ging, sie ist engagierter als ich, frag sie besser!“ Weder ihren Namen, noch ein Statement über ihre Arbeit solle ich veröffentlichen. Dabei war alles was sie mir erzählte durchweg positiv und informativ. Wer Ausstellungen kuratiert und in der einzigen Bar kellnert muss schon sehr bescheiden sein, sich für wenig engagiert zu halten. Die vermeintlich aktive Dame, die ich lieber fragen soll, erscheint weniger bescheiden, eher laut, dominant und neben der sensiblen Kuratorin eher wie eine Klischee-Hausbesetzerin, die „das Maul aufmacht“ und sich an Demos abtransportieren lässt. Diese Einschätzung erschließt sich mir aus folgendem Dialog. Als sie sich an die Theke setzt stelle ich mich vor und frage, ob sie mir sagen kann, was sie am Gängeviertel interessiert. Augenrollen, abwertender Blick, abweisende Grimasse: „Ne, also gerade habe ich da echt keinen Bock drauf, später vielleicht, keine Ahnung!“ Sie rauscht davon.

„Die Mailadresse der Sprecherin darf ich nicht einfach so rausgeben.“

Mein Glas ist leer und ich beschließe zu gehen. Die nette Dame an der Bar meint, ich solle die Bücher lesen, die zum Gängeviertel publiziert wurden und tagsüber an der Information nachfragen, man könne mir viele Broschüren und Auskünfte über die offizielle Vorgehensweise und den politischen Standpunkt geben. Leider möchte ich keinen Bericht über Gentrifizierung, Städtemarketing oder alternative Lebensformen schreiben. Ich wollte Stimmen einfangen, von Menschen die das Gängeviertel lieben und mir ihre Begeisterung vermitteln. Schade nur, dass sich erwachsene Menschen um die Dreißig nicht trauen, etwas ohne Erlaubnis des „aktiven Vorstands“ zu sagen. Gerade in einem Freiraum von Leuten, die genervt von hierarchisch strukturierten Gesellschaften sind, erschrickt mich die ablehnende Haltung. Als „Pressefuzzi“ bin ich hier unbeliebt. Dass ich einen Artikel für das Jugend-Online-Portal des Goethe-Instituts schreibe, der mir als Freiberuflerin soviel einbringt, wie mich allein die Fahrt nach Hamburg kostet und ich dem Gängeviertel eine Stimme geben möchte, scheint niemanden zu interessieren. Ob Goethe-Institut oder Springer, Presse ist Presse. Die Kuratorin hatte mir noch den Tipp gegeben, die Pressesprecherin um ein Statement zu bitten. Leider könne man mir die Mailadresse nicht geben, sie habe dazu keine Erlaubnis. Aber ich könne ihr schreiben und sie leite meine Mail weiter. Eine Pressesprecherin deren Mailadresse unantastbar schein, lässt mich müde lächeln. Ich versuche die Kontaktaufnahme trotzdem und erhalte nie eine Antwort.

Der hohe Norden gibt sich bedeckt

Am nächsten Tag komme ich erneut und mache Fotos. Ich frage Passanten, die an den Häusern vorbei laufen, ob sie mir sagen können, was sie vom Gängeviertel halten. Keiner möchte Auskunft geben, obwohl ich den Namen ändern und auf ein Foto verzichten würde. Ich weiß nicht, ob ich als Wahlkölnerin mit der offenen Mentalität der nördlichen Toskana verwöhnt bin. Was ich weiß ist, dass ich keine Lust mehr habe Meinungen zu erbetteln. Eine rasende Reporterin wird aus mir wohl nicht.

Markt in Mexiko

Ein Auslands-Praktikum bei VW de México für den perfekten Lebenslauf

Wie man auch in Mexiko nicht Gefahr läuft Deutschland verlassen zu müssen

Experten aller Fachrichtungen sind sich einig, dass Auslandsaufenthalte die beruflichen und persönlichen Kompetenzen steigern. Politiker und Unternehmensvorstände erklären gern, wie wichtig der Ausbau von Austauschprogrammen sei. Vor allem wird der asiatische Raum für studentischen Austausch gepriesen. So können die Studierenden später in ihren Führungspositionen auf Kontakte und Kenntnisse zurückgreifen und produktiv auf dem internationalen Weltmarkt wirtschaften. Renommierte Headhunter wie Dieter Rickert berichten fragenden Journalisten gern, wie wichtig Auslandserfahrungen für aufstrebende Manager sind. „Nur so lerne man die Märkte kennen und entwickle ein Gefühl für fremde Sitten“, zitiert ihn der Focus.

Tauchen Studis im Ausland tatsächlich in Land und Sitten ein?

Ein Praktikum bei VW in Mexiko zeigt mir, dass man auch in 10 000 km Heimatentfernung weder die deutsche Sprache, noch die Lebensgewohnheiten einbüßen muss. Das VW Werk in Puebla, nahe Mexiko-Stadt zählt ständig etwa sechzig deutsche Praktikant*innen. Die meisten leben in WG´s beieinander, bewegen sich ausschließlich in deutscher Gemeinschaft und trauen sich zu Fuß nur selten durch die Straßen mexikanischer Städte. Zum Glück verleiht VW ein Auto für fünf Praktikant*innen.

Ankunft in der Praktikanten-Villa

Die Praktikant*innen bei VW de México sind vorwiegend Studierende der Fächer Maschinenbau, Wirtschaftsinformatik und BWL, wobei ich zu Letzteren auch klangvolle Studiengänge wie „international Bussiness Management“ zähle. Ich bin eine der wenigen Geisteswissenschaftlerinnen ohne Businesserfahrung. Wahrscheinlich führte mich ein Zufall in die Abteilung „Personal Ausland“. Von nun an bin ich für alle ausländischen Praktikant*innen zuständig. Ich weise sie in das Land und das Werk ein, betreue sie vor Ort und koordiniere die Praktikumsorganisation aller Abteilungen. Im VW Werk von Mexiko höre ich mehr Deutsch als Spanisch. Meine Praktikumskollegin am Computer neben mir weist den deutschen Neuankömmlingen ihre Autos und Wohnungen zu. Noch vor meiner Anreise teilt sie mich in eine Praktikanten-Villa ein. Ich frage nach dem Ort und wundere mich, dass sie den Namen des Dorfes nicht kennt. Das ist wenig erstaunlich, wie ich später merke. Auch meine durchweg deutschen Mitbewohner*innen, sieben an der Zahl, wissen nicht, in welchem Dorf sie wohnen, obwohl manche ein paar Monate in der Villa leben. Sie erzählen mir, die Villa stünde gar nicht in einem Dorf, es sei einfach ein Platz im Nirgendwo für VW Mitarbeiter. Ich bin entsetzt. Nach dem Abi habe ich ein Jahr in Mexiko verbracht. Ich liebe mexikanische Dörfer, das Leben auf dem Zócalo (Zentraler Platz in der Mitte jeder Dörfer und Städte), die Märkte mit den frischen Leckerein, die Umzüge zu den Festtagen, die Konzerte zu Anlässen patriotischer oder religiöser Gedenktage. Es ist kurz vor Ostern, wo kann ich hier die Messe sehen? Meine Mitbewohnerinnen starren mich an wie eine Außerirdische. „Was willst du auf dem Markt, da holst du dir bestimmt nur Parasiten und Würmer!“, höre ich von allen Seiten. Ich solle mich ihnen doch anschließen, sie kennen das beste Suschi Restaurant in der Gegend. Außerdem habe dieses Dorf doch gar kein Zentrum, es sei nur eine Häuseransammlung, oder nicht?

Probleme mit mexikanischer Nähe

Unsere Villa gehört einer Familie, die sich rührseelig um uns kümmert. Sie schmeißt abgelaufene Lebensmittel aus unserem Kühlschrank, räumt unsere Zimmer auf, die übrigens alle ein eigenes Bad haben und putzt unsere Veranda, die jede Nacht mit leeren Flaschen geschmückt wird. Meine Mitbewohnerinnen regen sich über diese Übergriffe in ihre Privatsphäre auf. Doch leider können die wenigsten ihren Unmut mitteilen, denn kaum jemand spricht mehr als zwanzig zusammenhängende Worte Spanisch. Obwohl gute Sprachkenntnisse Voraussetzung für das Praktikum sind. Als ich die Bewerbungen bearbeite merke ich, dass alle angeben gute Sprachkenntnisse zu besitzen, obgleich sie nach der Ankunft nur „Hola“ sagen können. Also beschweren sie sich bei meiner Praktikumskollegin im Personal über die schlechte Unterkunft, bei der hin und wieder sogar das W-Lan ausfalle. Auf dem Weg zum Werk sehe ich Plakate für die nächsten Wahlen „Internet para todos!“ verspricht ein Politiker der PRI, „Internet für alle!“. Damit spricht er den über 80% aus der Seele, die in Mexiko von einer Breitbandverbindung träumen.

Das versteckte Dorf

Als ich mich der Hausdame das erste Mal vorstelle, frage ich ihr Löcher in den Bauch: „Ist das hier kein normales Dorf? Gibt es hier keinen Zócalo, keine Kirche, keinen Markt? Keine Schulen, keine Umzüge? Wo bin ich hier, wie komme ich zu Fuß und mit Taxis Colectivos, Combis oder sonstigen Rutas und Camiones von A nach B?“ Sie ist total erstaunt. Noch nie hat sie eine Güera (Weiße) nach dem Dorfkern fragen hören und schon gar nicht mit mexikanischen Vokabeln des Nahverkehrs. „Natürlich ist das hier ein ganz normales mexikanisches Dorf!“, sie lacht über meine panischen Fragen, „Aber die anderen Praktikanten gehen nicht in das Dorf, da sind nur die Einheimischen. Die Praktikanten fahren in die Shopping-Center und nach Puebla und Cholula, wo es Restaurants und Bars gibt. Das Dorf hat ja nur kleine Läden. Außerdem ist hier niemand auf unsere Rutas angewiesen, keiner fährt Bus, ihr habt doch Autos von VW!“ Ich erzähle ihr, dass ich nicht gern Auto fahre und dass ich ins Dorf spazieren will. Freudig überrascht ruft sie ihre Tochter, die mich begleiten soll. Der Dorfkern ist nur zehn Gehminuten entfernt und sieht zu meiner Beruhigung genauso aus, wie jedes andere Dorf in Zentralmexiko. Keine Ansammlung von VW-Arbeiterhäusern. Ein schöner Zócalo, eine schöne Kirche, ein genialer Markt. Ich kaufe Tortillas, Chile poblanos, Chiles Chipotles, Queso Oaxaca und alles, was ich in Deutschland so sehr vermisse. Von da an kochte die Tochter hin und wieder für mich mit und legte mir eine Quesadilla oder ein Bohnengericht in mein Zimmer, das mich nach der Arbeit begrüßte. Meine Mitbewohnerinnen starren mein Essen jedes Mal ungläubig an, während sie Nudelsuppe vom Asia-Imbiss schlürfen: „Du lebst echt auf einem völlig anderen Stern!“, höre ich sie sagen. „Ja“, sage ich, „dieser Stern heißt Mexiko!“

Winterkorn verbreitet Königsstimmung

Kaum jemand nutzt öffentliche Verkehrsmittel, die seien viel zu gefährlich. Da ich Autofahren für wesentlich gefährlicher halte, beschließe ich mich keiner Fahrgemeinschaft anzuschließen und frage im VW Werk nach den Haltestellen der werkseigenen Busse. Im Personal kann mir niemand helfen, ich frage mich also bei den Werksarbeitern durch. In den Bussen läuft „música ranchera“, mexikanische Cowboymusik mit vielen „AyAyAy´s“. Um mich rum sitzen fast ausschließlich Männer mit dreckverschmierten Arbeiterhänden und ein paar Frauen, die ich als Bedienung im Speisesaal identifiziere. Die hierarchischen Unterschiede, die ich in meiner Abteilung besonders zu spüren bekomme, erschrecken mich. Die Werksarbeiter sind durchweg Mestizen mit stark indigenem Einschlag, in Mexiko „Morenos“ gerufen. Sie alle kommen in Bussen zum Werk. In den Verwaltungsgebäuden, in denen auch ich arbeite, sitzen Mexikaner*innen und Deutsche gleichermaßen, wobei die Abteilungsleiter*innen, die ich kennenlerne, durchweg Deutsche sind. Es herrscht eine sehr autoritätshörige Stimmung. In den wöchentlichen „Juntas“ (Besprechungen) traut sich kaum jemand der deutschen Abteilungsleiterin etwas zu entgegnen. Hinter verschlossenen Türen höre ich doppeldeutige Flüche über die Chefin, die ich nicht verstehe. Der absolute Knaller ist die Hektik, die ausbricht, als sich der VW-Oberchef Winterkorn aus Wolfsburg ankündigt. Schon zwei Wochen vorher werden die organisatorischen Abläufe geplant. Am Tag der Ankunft stehen Schlangen vor dem Eingang, die allesamt von Security-Kräften untersucht werden. Die große VW Fahne wird gehisst, dies geschieht nur, wenn hoher Besuch aus Alemania das Werk betritt. Es ist als kündige sich das deutsche Königshaus an. Ich stelle mich an die Schlange und werde nach einigen Minuten freundlich darauf hingewiesen, dass ich doch einfach hineingehen könne und nicht antehen brauche. Erst jetzt stelle ich fest, dass nur mexikanische Werksarbeiter in der Kontrollschlange stehen. Es ist ein Kreuz mit der Unterwürfigkeit in Mexiko. Salopp gesagt hörte man zunächst auf die Befehle der Aztekenkönige, dann auf die der Spanier, später auf die der US-Unternehmer. Begriffe im Alltag veranschaulichen das. In Mexiko sagt man für „Wie bitte?“ „Mandame“, was wörtlich „Befiel mir!“ heißt. Auch den Satz „Para servirle“, „Zu Ihren Diensten“, hört man an jeder Ecke.

Leichte Annäherungen an die mexikanische Bevölkerung

Als Paktikumsbetreuerin ergreife ich die Chance allen Neuankömmlingen von Mexiko zu berichten. Ich nehme sie an die Hand und zerre sie buchstäblich auf den Markt, um ihnen ein Tlagollo (Tortilla-Gericht) in den Mund zu stopfen. Das ganze hilft wenig, da sie bald mit den anderen Shoppingmalls und Sushi entdecken. Eine schier unglaubliche Auswahl an günstigen Waren überzeugt jeden Neuankömmling und die Angebote von MC Donalds, Starbucks und Co machte sie froh. Einige Monate nach meiner Praktikumszeit entdeckte ich auf der Facebook-Pinnwand einer ehemaligen Praktikantin die Worte; „Oh Gott, ich vermisse das Mc Flurry Oreo!“ Das war es also, was sie zurück in Deutschland vermissen sollten.

In Mexiko ist es gesetzlich verboten als Praktikant Geld zu verdienen. Dafür gibt es eine Praktikumspremie bei guter Leistung, die nicht an ein vergleichbares Praktikumsgehalt in Deutschland rankommt. Dafür wird den Praktikanten das kostenlose Auto sowie die Unterkunft zur Verfügung gestellt. Letztere muss aus eigener Tasche bezahlt werden. Die mexikanischen Praktikanten hingegen, haben keines dieser Privilegien. Keine Premie, kein Auto, keine Wohnungsvermittlung. Dafür tut VW viel für die Region. Jede Straße Pueblas ist von VW gesponsert, sowie zahlreiche Naturschutzprojekte. Für die ökologische Leistung bekam der Automobilhersteller einige Auszeichnungen. Fotos von Abteilungsleitern, die mit dunkelhäutigen Grundschulkindern Bäumchen pflanzen, zieren die ein oder andere Werkswand.

Abends treffen sich die Praktikanten zum Cocktailschlürfen in den Bars der Vergnügungsmeile Cholulas. Hier studieren die Mexikaner*innen, die sich die teure Universität „de las Américas“ leisten können. Während auf Arbeit eine strickte Trennung zwischen mexikanischen und deutschen Praktikanten herrscht, deren Wege sich kaum kreuzen, lernt man beim „After-Work-Drink“ und den Besäufnissen am Wochenende dann doch mal einen echten Mexikaner kennen. So mancher, der in Deutschland unglücklicher Single war, findet sogar die Liebe für´s Leben. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Begriff „Malinchista“ vor allem in Puebla weitverbreitet ist. Er bezeichnet eine Person, die sich an weiße Ausländer ranschmeißt, weil sie Geld und Prestige ausstrahlen.

Warum Einheimische unterstützen, wenn das goldene M am Start ist

Am Wochenende organisieren einige Praktikanten Ausflüge in die Umgebung. An der Wanderung auf den Vulkan „Malinche“ schließe ich mich an und kämpfe auf 4000 Meter Höhe mit meinen letzten Kräften. Ausgelaugt aber glücklich sitzen wir später am Fuße des Vulkans und lassen uns in den Stühlen eines bescheidenen Imbiss nieder. Plastikstühle, eine offene Garküche, ein Wellblechdach und ein kleiner Kiosk, das war wohl das ganze Vermögen des bäuerlichen Ehepaares, das sich emsig über die Kundschaft freut. Etwa zwölf Praktikant*innen kehren ein. Vereinzelte Mädels kommen schreiend vom Plumpsklo zurück: „So etwas ekliges habe ich mein ganzes Leben noch nicht gesehen!“ Ich bestelle Tortillagerichte, einen Maiskolben und ein kühles Bier. Dann der Ausruf, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde: „Ich hab jetzt so Bock auf einen geilen Burger, lasst uns gleich alle noch zu Mc´es fahren!“ Daraufhin stimmte ein Chor der Zustimmung ein. Ich verliere mich. Mit schriller Stimme gehe ich den armen Praktikanten an. Ich hatte mich bis dahin täglich in Zurückhaltung geübt, versucht meinen Horizont zu erweitern, zu verstehen, dass jede Ansicht ihre Berechtigung hat. Ich habe gelernt, dass es auch Mexikaner gibt, die den „US-Livestyle“ pflegen und keine Märkte sondern Kaufhöllen besuchen, kein Cumbias tanzen sondern David Guetta hören. Mir ist klar, dass sich die komerzielle Kultur bei aufsteigendem Wohlstand weltweit gleichschaltet und auch viele Mexikaner ziehen inzwischen den Burger der Tortilla vor. Aber in diesem Moment flippe ich aus: „Meint ihr nicht, ihr wollt lieber die Menschen in diesem Land unterstützen, die sich einen abkämpfen um das tägliche Brot zu verdienen? Findet ihr, ihr solltet euer gesamtes Geld in die Rachen der US-Firmen stecken, die weltweit die Märkte erobern und den einheimischen Einzelhandel kaputt machen? Denkt ihr nur weil der Burger schmeckt ist er besser als die traditionellen Maisgerichte, die frisch geerntetete Zutaten beinhalten? Dieses mexikanische Ehepaar hat sich über uns als Kunden gefreut und wann kommt ihr noch mal dazu echte mexikanische Küche zu probieren, wenn nicht hier?“ Verblüffte Stille. Dann bestellt einer ein paar Tacos. Die anderen fahren in stiller Übereinkunft zum nächsten MC Donalds. Am selbigen Abend macht meine Mitbewohnerin den Tag perfekt, als sie mir selbstbewusst ins Gesicht sagt, sie mache das Praktikum nur, um Ihren Lebenslauf aufzupolieren. Ein großes Unternehmen in einem außereuropäischen Land schlägt schließlich zwei Fliegen mit einer Klappe: professionelle Arbeits- und Auslandserfahrung. Es gehe ihr nicht darum in die Kultur einzutauchen, die sei ihr suspekt. Sie möge die Mentalität der Mexikaner nicht, die vorne herum lächeln und hinterrücks über einen herzögen und ich solle das doch bitte  verstehen. Sie hätte sich schließlich nicht umsonst ein deutsches Unternehmen gesucht.

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