Auch in Mexiko gibt es Großstadtpflanzen und Landeier. Die Bewohner Mexiko-Stadts haben im restlichen Mexiko einen schlechten Ruf, sie seien arrogant, ungehobelt und dreckig. Den Kindern der Weltmetropole erscheint wiederum das restliche Land hinterwäldlerisch.

Stadt und Land Hand in Hand?

Mexiko hat viele Extreme. In den Großstädten lebt unvorstellbare Armut neben verschwenderischem Reichtum. Kleinkinder verkaufen Kaugummis, und Villas thronen hinter hohen Mauern. In den Dörfern Zentralmexikos sah ich weder Straßenkinder noch Villen. Jede Familie hatte ein Haus und wirkte mittelständisch. Ich besuchte oft das Dorf Jantetelco in Morelos, wo die Familie meines Freundes wohnte. Da seine Mutter das Studium finanzierte, war es Ehrensache, jedes Wochenende vorbeizukommen. Jantetelco kennt kaum ein Mexikaner. Der Weg dorthin war mühselig und lang. Dementsprechend abgeschottet war das Dorfleben. Mexiko-Stadt schien genauso weit weg wie New York. Während man in den Großstädten die US-Trends aufgreift und sich kosmopolitisch gibt, leben im Dorf alte Traditionen.

Das Nachtleben in Studentenstädten

In städtischen Studentenhochburgen ist das Nachtleben nicht von dem anderer Länder zu unterscheiden: dieselben Discos und Bars, dieselbe Musik. Studenten flanieren durch die Vergnügungshöllen. Es ertönen elektronische Klänge und die Hits von Lady Gaga oder David Guetta. In einigen Discos kam hin und wieder ein Latino-Hit im Cumbia Style. Die Leute freuten sich darüber und tanzten in Paaren. Ich vermute, dass sie am liebsten den ganzen Abend zu Cumbias getanzt hätten, aber die US-Hitliste den Trend setzt. Ist man cool, hört man keine mexikanische Musik. Ähnlich verhielt es sich beim Essen. Mexiko ist voller Markthallen mit einer Vielfalt an Obst, Gemüse und hausgemachten Käsesorten, von der Mitteleuropäer nur träumen können. Auch Essensstände locken an jeder Ecke. Aber die Stadtjugend geht lieber in die Fastfoodketten der Shoppingmalls. Alles US-Ähnliche hat Prestige.

Dörfliche Traditionen

In den Dörfern gibt es Tortilla-Gerichte bei der Señora des Vertrauens. Für die eigene Küche dienen Markt und Tienda, eine Art Tante Emmaladen. Shoppingmalls und Supermärkte existieren nicht. Es gibt auch keine Disco, sondern Bailes (Tänze mit Livemusik). Gespielt wird Musica Vaquera, Cowboy-Musik. Berühmte Vertreter sind Joan Sebastian und Los Tigres del Norte. Menschenmassen der umliegenden Dörfer tanzen dann mit Cowboyhut und Stiefeln. Bewohner mexikanischer Dörfer kleiden sich überhaupt gern wie Vaqueros (Cowboys). Auch die Tradition des Rodeo, in Mexiko simpel Toros genannt, wird gepflegt. Das ganze Dorf kommt zusammen, wenn die wütenden Stiere aus den Ställen gelassen werden. 200 Peso für den, der es wagt, auf ihnen zu reiten. Dazwischen treten Clowns auf. Ein Spektakel für die ganze Familie.

Abends geht man in die Cantina. Mein Freund nahm mich mit, doch der beste Hinweis darauf, dass hier Frauen nicht eingeplant sind, war das Fehlen einer Damentoilette und das schäbige Herrenklo hinter dem löchrigen Vorhang. Während sich die Frauen zu Hause trafen, tranken die Männer in der Cantina Bier und Tequila und spielten Billard. Ich plante eine Revolution unter dem Motto „Sturm auf die Cantina!“ Aber leider fand ich keine Mexikanerin, die mitmachen wollte. „Was soll ich da?“, fragten sie mich.

Dieser Artikel erschien im ehem. Jugend-Online-Portals des Goethe Instituts „Todo alemán“.