Während meiner Mexiko-Aufenthalte spielte die Frage „Que comemos hoy“ (was essen wir heute) immer eine entscheidende Rolle. Mit meinem damaligen Freund machten die Absprachen über die optimale Nahrungsaufnahme einen Großteil unserer Beziehung aus. Der Wochenendplan führte oft zur Krise: Die große Zusammenkunft mit der ganzen Familie zum gemeinsamen Sonntagsessen.

Mexikanisches Sonntagsessen im Kreise der Lieben

Ich verstand nie, ob es Liebe oder Pflicht war, die ihn dazu bewegte jeden Sonntag seinen Geburtsort irgendwo im Nirgendwo aufzusuchen. Fast jedes Wochenende ging es in die abgeschiedene Heimat: erst mit dem Bus, dann mit einem Combi, das ist ein zum öffentlichen Verkehrsmittel umfunktionierter VW-Bus, der in kleinere Ortschaften fährt, die zu klein für einen regulären Bus sind und zuletzt mit einem „Taxi Colectivo“, ein Taxi, welches in ein Dorf fährt, für das sich kein Combi lohnt. Das Taxi fuhr sobald sich fünf Fahrgäste hineingequetscht hatten (zwei auf dem Beifahrerplatz). Im Nachhinein war die Reise ein Abenteuer zwischen Frauen, Hühnern und Kindern mit Blick auf den Popocatepetl, den mexikanischen sagenumwobenen Vulkan. Damals nervte mich dieser Weg und ich konnte mir spannendere Wochenendausflüge vorstellen.

Sonntags holten wir oder die Geschwister meines Freundes fürs Frühstück oft Tlagollos vom Nachbardorf. Unglaublich leckere gefüllte Maisfladen, auf die wir ordentlich scharfe Salsas packten. Was das herzhaft scharfe Essen zum Frühstück anging, hatte ich mich schnell akklimatisiert. Weniger gewöhnte ich mich an die obligatorische Sonntagsmesse. Mit den Worten „lleguen al tiempo“ (kommt pünktlich) verabschiedete sich die Chefin des Hauses gegen halb eins. 13 Uhr fing die Messe, der Gottesdienst an und das ganze Dorf erschien. Wir gingen immer erst kurz vor Ende, weshalb mir die Sache noch scheinheiliger erschien. Vor der Kirche waren Essensstände aufgebaut und oft kauften wir uns schon direkt nach dem letzten „Amen“ Leckrigkeiten. Dann kam die eigentliche Verpflichtung für mich. Das Treffen mit der gesamten Familie bei der „Abue“ (Omi). In einem lila angemalten Haus herrschte die Hektik eines Event-Caterings. Acht Tanten wuselten in der Küche herum und schleppten gestresst riesige Tonkübel, Töpfe und Schälchen mit mexikanischem Reis, Fleischgerichten, Bohnen, Tortillas, Salsas, Chillis und viel anderem Zeugs in den Garten. Dort luden Plastikstühle- und Tische zum gemeinsamen Essen ein. Die „Abue“ sowie die Männer und Kinder der Familie saßen draußen und tranken Bier mit Limonen, Tequila oder Limo. Ich fühlte mich jedes Mal Fehl am Platz. Draußen gehörte ich aufgrund meines Geschlechts noch nicht hin, schließlich war das Essen ja noch nicht komplett fertig. Drinnen stand ich den wuselnden Frauen im Weg. Das Essen war außerdem nie fertig. Es gab immer wieder Nachschub zu organisieren. Ein Gaspacho, klein gehakte Früchte zum Nachtisch oder noch mehr Bier, Tortilla und Limonen. Ich war froh, wenn sich einige Frauen zum Essen nach draußen bequemten und die Gesprächsrunde erweiterten. Die erste Frage von Mutter und Oma war übrigens meist, ob wir auch bei der Messe waren, oft mit dem Nachsatz, man habe uns gar nicht gesehen. Abgesehen davon, dass ich verklemmt gegenüber fremden Erwachsenen und vor allem „Schwieger-Familien“ bin, war das Essen aber dann doch immer ein leckeres Wochend-Highlight.

Dieser Artikel erschien im ehem. Jugend-Online-Portal des Goethe Instituts „Todo alemán“.