Das Gängeviertel ist ein historischer Gebäudekomplex mitten in der modernen Hamburger Innenstadt nahe der Shoppingmeile „Gänsemarkt“. Künstler schützten die Häuser vor dem Abriss und schufen einen Freiraum für Kunst, Kultur und soziale Projekte. Eine Alternative zu kommerziellen Einrichtungen. Das Programm im Gängeviertel ist vielseitig: Tanz, Yoga und Siebdruckkurse, Partyreihen und Kneipenabende finden statt.

Ein kleiner Rest Altbau inmitten von Geschäftshäusern

Einst zogen sich die Gängeviertel vom Hamburger Hafen bis in die Innenstadt, bewohnt von Arbeiterfamilien. Doch schon im 19. Jahrhundert wurden die ersten Häuser abgerissen. Was dann der Zweite Weltkrieg nicht zerstörte, erledigte die Städteplanung. Heute besteht das Gängeviertel aus 12 baufälligen aber denkmalwürdigen Altbauten, die neben stählernen Wohn- und Geschäftshäusern um ihr Überleben kämpfen. Als die Stadt das Viertel an einen holländischen Investor verkaufte, wurde den Mietern gekündigt. Im Sommer 2009 sollte das Gängeviertel abgerissen werden.

Doch es kam anders. Aktivisten besetzten die Gebäude und schufen Raum für kulturelle, politische und soziale Projekte. Es entstand der Verein und die Genossenschaft des Kulturquartiers Hamburger Gängeviertel. Unter dem Motto Komm in die Gänge werden alle Hamburger eingeladen das Kursangebot, Partyreihen und Ausstellungen zu besuchen oder zu gründen. Viele folgten dem Aufruf. Die Stadt reagierte auf den öffentlichen Druck und kaufte das Viertel zurück. 2011 einigte man sich in einer Kooperationsvereinbarung. 2012 kürte die UNESCO das Gängeviertel als Ort kultureller Vielfalt, da es „Ausdruck eines anderen Verständnisses von Stadtentwicklung und gesellschaftlicher Teilhabe ist“. Ende 2013 setzte die Sanierung ein.

Begegnungen mit politisch aktiven Jugendlichen, Künstlern und Kulturschaffenden

Werbebanner, Modeketten und graue Bürogebäude – Innenstädte ähneln sich. Dann betritt man das Gängeviertel und sieht: Es geht anders! Bemalte Wände, verknotete Puppen und ein Frauenbein, das aus der Mauer tritt. Im Dunkeln wirken die verfallenen Häuser und die verwinkelten Wege wie ein unheimliches Labyrinth. An einer Mauer sprüht ein Sprayer ein neues Graffiti. Durch ein Fenster erspähe ich Musiker. Im rotgelben Licht erinnern mich Akkordeon, Geige und Cello an die 20er Jahre.

Zwei junge Mädels kommen aus der Dunkelheit. Maria (19) erzählt: „Es ist super hier! Ein Ort voller lieber Menschen. Alles ist selbstverwaltet, die Getränke werden nicht überteuert verkauft, sondern man gibt eine Spende. Das Coole ist, man hängt nicht sinnlos ab, wie ich das bei den Leuten in meiner Klasse beobachte, sondern man kommt, um sich tiefgründig zu unterhalten!“ „Ja“, pflichtet Marisol (21) bei, „Man kann das Gängeviertel als Freiraum bezeichnen. Die Leute leben miteinander und engagieren sich. Wir sind politisch aktiv, andere künstlerisch unterwegs. Ideen sind willkommen. Wir wollen bald eine Sportgruppe aufmachen. Gerade kommen wir von einer Diskussionsrunde zu feministische Themen.“ In der Kneipe erklärt mir die freundliche Bedienung: „Viele Künstler bewerben sich hier, und ich kann als Kuratorin Ausstellungen organisieren, indem ich die Werke in einen Kontext stelle. Hier im Gängeviertel kann man die Räume als Atelier, Galerie oder Museum nutzen, dafür trägt man einen Teil zur Gemeinschaft bei, so wie ich mit meiner Barschicht.“

Dieser Artikel erschien im ehem. Jugend-Online-Portals des Goethe Instituts „Todo alemán“.

Links:

http://das-gaengeviertel.info/

https://de-de.facebook.com/gaengeviertel

https://twitter.com/gaengeviertel

http://www.unesco.de/6690.html

Videos:

http://vimeo.com/26486362

http://www.youtube.com/watch?v=qVE-x0fW87s

http://www.youtube.com/watch?v=bPmK9q6So70#t=94