Mexiko ist verrückt nach „Lucha Libre“ (freier Kampf), der mexikanischen Form des Wrestlings. Die Masken der „Luchadores“ (Kämpfer) sind auf den Märkten der Verkaufsschlager. Wer genug Kleingeld hat, geht zu den Live-Shows und erlebt seine Idole der obersten Liga hautnah. Lucha Libre gibt es auch in Deutschland. Der „Rock´n´Roll Wrastling Bash“ tourt als Lucha-Libre-Musik-Event durch Europa.

Als ich nach dem Abitur in Mexiko war, erschien es mir paradox, dass mein mexikanischer Freund mit seiner Familie nach dem Pflichtgottesdienst und dem Familienessen gespannt vorm Fernseher saß und mit Cousins und Neffen Wrestling schaute, was sie Lucha Libre nannten. „Das ist die Triple A!“ erklärte man mir. Die höchste Liga. Aha. Später fiel mir auf, dass Mexiko voll war mit Lucha Libre Masken, Zeitschriften, DVD´s und Live-Shows. Die Menschen zelebrierten den Kampf und die Kämpfer wie ihre Nationalhelden. Es musste also kulturell tief verankert sein. Was steckt dahinter?

Die maskierten Kämpfe erinnern an das einstige Aztekenreich

Lucha Libre ist die mexikanische Form professionellen Wrestlings, die schon 1930 nach US-Vorbild entwickelt wurde. Im Gegensatz zum US-Wrestling geht es hauptsächlich um spektakuläre High-Flying-Moves, also flugartige Sprünge in den Ring oder aus dem Ring. Somit sind spektakuläre Showeffekte wichtiger als die Demonstration von Muskelpracht. Ein weiterer Unterschied zum US-Wrestling ist die Tradition der maskierten Kämpfer. Die meisten Luchadores sind Enmascarados. Mit der Maske beginnt die Identität und die Karriere des Luchadors. Sie sind oft farbenfroh und zeigen teilweise aztekische Götter- oder Tiersymbole.

Der Kampf maskierter Männer erinnert an das Aztekenreich. Krieger wurden dort besonders verehrt. Vielleicht kann man die maskierten Schaukämpfe heute als Weiterführung dieses kulturellen Erbes betrachten. Jeder Luchador hat eine fiktive Identität. Das Privatleben wird nicht preisgegeben und viele Luchadores tragen ihre Maske, sobald sie das Haus verlassen. Wenn der Luchador einmal demaskiert wird, ist es das Ende seiner Karriere und kein Weg führt zurück in den Ring. Viele mexikanische Kinder und Jugendliche sind Fans eines Lucha Libre Stars. Der Hype geht soweit, dass der sehr populäre Luchador El Santo sich mit seiner Maske begraben ließ und seine wahre Identität nie preis gab.

Lucha Libre funktioniert auch in Deutschland

Durch Shows wie den Rock´n´Roll Wrastling Bash schwappt nun die mexikanische Lucha-Libre-Welle nach Deutschland. Die spektakulären Kämpfe der Luchadores werden während eines Live-Konzerts ausgetragen. Diese Show entführt die Zuschauer in eine Welt der Illusionen, in der Gewalt, Akrobatik, Schauspiel und Musik zu einer Einheit werden.

Interview mit Carlos Martinez, Gründer des „Rock´n´Roll Wrastling Bash“ in Deutschland

„Ich suchte nach einem Event, das die Leute umhaut, das einzigartig in Deutschland ist.“ Die Suche führte Carlos aus Köln zur größten Lucha Libre Show Europas.

Wie kamst du auf die Lucha Libre Show, warst du schon immer ein Wrestling Fan?

Nein, ich hatte mit 22 Jahren ein eigenes Punk-Surf-Musik-Label gegründet und wollte die Band auf meinem Label promoten. Ich suchte nach einem Event, das die Leute umhaut, das einzigartig in Deutschland ist. Als ich meine Platten anschaute, entdeckte ich die Band Lost Acapulco und so kam ich auf Mexiko und Lucha Libre. Es ging mir darum, die Band spielen zu lassen und parallel einen Kampf zu inszenieren. Dabei sollte der Punk-Spirit mitschwingen. Das Konzept schlug ein wie eine Bombe und ich entwickelte die Show weiter. Am Anfang spielten wir in kleinen Kaschemmen, inzwischen sind wir in größeren Hallen in Deutschland, Österreich, Schweiz und Holland.

Welche Luchadores treten auf?

In den Shows treten meine Stamm-Luchadores und Special Guests auf. Ich habe Kontakt zu Wrestlingschulen. Die nächstgelegene ist in Oberhausen, dort kann man sich auch auf das Lucha Libre typische Highflight Wrestling spezialisieren. Meine Kämpfer kommen aus allen möglichen Ländern. Wir haben Holländer, Deutsche, Kanadier und Mexikaner im Ring. Sie treten unter den Charakteren auf, die ich mir ausgedacht habe.

Also alles nur gespielt?

Ja, ich denke mir die Figuren, deren Lebensläufe, die Kostüme und die Kämpfe aus. Wir bieten den Leuten eine Show, eine Illusion bei der sie den Alltag vergessen. Dabei steht die Frage im Raum: „Wer steckt hinter den Masken“, doch das bleibt geheim, sonst würde man die Magie zerstören. Ich bezeichne die Show als „Lucha-Libre-Hardcore-Rock´n´Roll-Musical“, ein Event, bei dem den Zuschauern die Kinnlade runterklappt.

Ein Lucha-Libre-Musical? Ist das nicht völlig anders als Lucha Libre in Mexiko?

Ich habe das mexikanische Konzept durch Musik ergänzt. Wrestling hat starke Ähnlichkeit mit Tanz. An unserer Show ist die Kampfchoreographie das Besondere. Synchron zur Live-Band wird gekämpft und der Kampf mit einer Mischung aus Hardcore, Rock´n´Roll und Blues untermalt.

Warst du schon in Mexiko?

Ja klar, ich bin oft dort und habe inzwischen viele Kontakte. Einige Stars der Lucha Libre Szene treten als Special Guests auf, z.B. Super Crazy aus Mexiko-Stadt. Außerdem besuche ich die Hersteller meiner Merchandise Artikel regelmäßig. Ein Familienbetrieb stellt die Masken her und drei Jungs machen die T-Shirts per Siebdruck in ihrer Garage. Alle Artikel sind Fair Trade. Ich habe teilweise sogar mehr bezahlt, weil ich es für angemessen hielt. Neben einer geilen Show ist es inzwischen auch mein Ziel, die mexikanische Kultur in Europa zu verbreiten.

Interview mit dem Luchador „El Brujo“ des Rock´n´Roll Wrestling Bash

„El Brujo“ ist eine furchteinflößende Gestalt, der man lieber nicht im Dunkeln begegnen möchte. Ich habe mich getraut, ihn aufzusuchen und in entspannter Verfassung erwischt. Perfekt für ein paar kurze Fragen zu seiner Persönlichkeit.

Was zeichnet deine Persönlichkeit aus?

Ich bin das pure Böse.

Okay, ich frage lieber nicht, was du schon alles verbrochen hast. Warum Lucha Libre und nicht US Wrestling?

Die akrobatische Natur des Lucha Libre ist es, die mich im Gegensatz zu dem lahmen North American Wrestling total mitreißt und fasziniert.

Funktioniert Lucha Libre in Deutschland genauso wie in Mexiko?

Auf keinen Fall. Um auf einer Linie mit Mexiko zu sein, müssten viel mehr Deutsche auf den Geschmack kommen. In Mexiko ist Lucha Libre Tradition. Da könntest du mich ebenso fragen, ob in Deutschland so viel Tequila getrunken wird wie in Mexiko.

Worauf freust du dich in der laufenden Tour?

Ich freue mich darauf, der Welt ein weiteres Mal zu zeigen, dass ich der Geilste bin. Und zwar in dem ich meinen Titel verteidige und meine Macht unantastbar bleibt. Des Weiteren wird es mir eine Ehre sein, meinen alten Freund Tom Angelripper von Sodom auf der Bühne zu haben und mit all meinen Fans das zehnjährige Bestehen des Rock´n´Roll Wrestling Bash zu feiern.

Interview mit dem Luchador Pedro des „Rock´n´Roll Wrestling Bash“ über sein Leben in Deutschland

Pedro ist „Chicano“, in den USA geboren, aber durch seine Familie eng mit Mexiko verwurzelt. Als Luchador lebt er mexikanische Kultur. Welche Maske sein Gesicht versteckt bleibt natürlich ein Mysterium, ich frage ihn nach seinem Leben und der Bedeutung von Lucha Libre.

Wie lange lebst du bereits in Deutschland?

Ich lebe seit 2007 in Deutschland, aber das erste Mal kam ich 2004 her. Momentan wohne ich in Stuttgart, aber die meiste Zeit lebte ich in Tübingen.

Was ist der größte Unterschied zu deinem Leben in Amerika?

Ein großer Unterschied ist die kulturelle Identität. Ich bin in den USA geboren. Wenn ich mich aber in Deutschland vorstelle, geht man direkt davon aus, dass ich aus Mexiko oder Lateinamerika komme. Ständig muss ich Erklärungen über die Herkunft meiner Eltern abgeben. Nach meinen Erfahrungen lässt dich die US-Gesellschaft wie ein Amerikaner fühlen, egal woher deine Familie kommt. In Deutschland wird man oft dem Land der Eltern zugeordnet. Das ist für mich der größte Unterschied im täglichen Leben, abgesehen von der Kultur, der Sprache und dem Essen.

Was unterscheidet mexikanisches und deutsches Lucha Libre?

Alles. In Mexiko ist Lucha Libre ein Teil der Kultur, die Vorliebe für Lucha Libre wird über Generationen weitergegeben. Die Eltern, die Kinder und sogar die Großeltern gehen zu den Shows. Die Kämpfer bieten ein Entertainment auf hohem wirtschaftlichem Niveau. Seit Jahrzehnten werden die Events organisiert. In Deutschland ist die Begeisterung wesentlich kleiner und der Kampfsport wird oft falsch verstanden. Ich fände es super, wenn Lucha Libre auch in Deutschland mehr Anhänger findet.

Würdest du Lucha Libre als mexikanisches Kulturgut bezeichnen?

Ja, absolut! Lucha Libre sollte als wichtiger Aspekt der mexikanischen Kultur betrachtet werden, weil er es ist. Wenn man nach Mexiko geht, soll man bestimmte Speisen essen, Pyramiden besichtigen und zu einem Lucha Libre Event gehen. Da ist nichts Peinliches dran, im Gegenteil, die Mexikaner sind stolz darauf, dass sie einen ganz eigenen Stil der Lucha Libre gegründet haben, der auf der Welt einzigartig ist. Lucha Libre ist mexikanische Kultur!

Dieser Artikel wurde im Auftrag des ehem. Jugend-Online-Portals des Goethe Instituts „Todo alemán“ verfasst.

Links:

Rock´n´Roll Wrestling Bash:

http://www.gtwa.de/

Triple A in Mexiko:

http://www.luchalibreaaa.com/

Rock´n´Roll Wrestling Bash Videos:

http://www.youtube.com/watch?v=AVSlPo1YcRw

http://www.youtube.com/watch?v=pttuT_Z8XSc

http://www.youtube.com/watch?v=GBLmNVEjtu4

http://www.youtube.com/watch?v=8328VJBaz-A

Interview auf Spanisch mit Luchadores in Mexiko:

http://www.youtube.com/watch?v=9HiarJ4iQ5Y