Wie man auch in Mexiko nicht Gefahr läuft Deutschland verlassen zu müssen

Experten aller Fachrichtungen sind sich einig, dass Auslandsaufenthalte die beruflichen und persönlichen Kompetenzen steigern. Politiker und Unternehmensvorstände erklären gern, wie wichtig der Ausbau von Austauschprogrammen sei. Vor allem wird der asiatische Raum für studentischen Austausch gepriesen. So können die Studierenden später in ihren Führungspositionen auf Kontakte und Kenntnisse zurückgreifen und produktiv auf dem internationalen Weltmarkt wirtschaften. Renommierte Headhunter wie Dieter Rickert berichten fragenden Journalisten gern, wie wichtig Auslandserfahrungen für aufstrebende Manager sind. „Nur so lerne man die Märkte kennen und entwickle ein Gefühl für fremde Sitten“, zitiert ihn der Focus.

Tauchen Studis im Ausland tatsächlich in Land und Sitten ein?

Ein Praktikum bei VW in Mexiko zeigt mir, dass man auch in 10 000 km Heimatentfernung weder die deutsche Sprache, noch die Lebensgewohnheiten einbüßen muss. Das VW Werk in Puebla, nahe Mexiko-Stadt zählt ständig etwa sechzig deutsche Praktikant_innen. Die meisten leben in Praktikanten-WG´s beieinander, bewegen sich ausschließlich in deutscher Gemeinschaft und trauen sich zu Fuß nur selten durch die Straßen mexikanischer Städte. Zum Glück verleiht VW fünf Praktikanten ein Auto.

Ankunft in der Praktikanten-Villa

Die Praktikant_innen bei VW de México sind vorwiegend Studierende der Fächer Maschinenbau, Wirtschaftsinformatik und BWL, wobei ich zu Letzteren auch klangvolle Studiengänge wie „international Bussiness Management“ zähle. Ich bin eine der wenigen Geisteswissenschaftlerinnen ohne Businesserfahrung. Wahrscheinlich führte mich ein Zufall in die Abteilung „Personal Ausland“. Von nun an bin ich für alle ausländischen Praktikant_innen zuständig. Ich weise sie in das Land und das Werk ein, betreue sie vor Ort und koordiniere die Praktikumsorganisation aller Abteilungen. Im VW Werk von Mexiko höre ich mehr Deutsch als Spanisch. Meine Praktikumskollegin am Computer neben mir weist den deutschen Neuankömmlingen ihre Autos und Wohnungen zu. Noch vor meiner Anreise teilt sie mich in eine Praktikanten-Villa ein. Ich frage nach dem Ort und wundere mich, dass sie den Namen des Dorfes nicht kennt. Das ist wenig erstaunlich, wie ich später merke. Auch meine durchweg deutschen Mitbewohner_innen, sieben an der Zahl, wissen nicht, in welchem Dorf sie wohnen, obwohl manche ein paar Monate in der Villa leben. Sie erzählen mir, die Villa stünde gar nicht in einem Dorf, es sei einfach ein Platz im Nirgendwo für VW Mitarbeiter. Ich bin entsetzt. Nach dem Abi habe ich ein Jahr in Mexiko verbracht. Ich liebe mexikanische Dörfer, das Leben auf dem Zócalo (Zentraler Platz in der Mitte jeder Dörfer und Städte), die Märkte mit den frischen Leckerein der Campesinos (Bauern) die Umzüge zu den Festtagen, die Konzerte zu Anlässen patriotischer oder religiöser Gedenktage. Es ist kurz vor Ostern, wo kann ich hier die Messe sehen? Meine Mitbewohner starren mich an wie eine Außerirdische. „Was willst du auf dem Markt, da holst du dir bestimmt nur Parasiten und Würmer.“, höre ich von allen Seiten. Ich solle mich ihnen doch anschließen, sie kennen das beste Suschi Restaurant in der Gegend. Außerdem habe dieses Dorf doch gar kein Zentrum, es sei nur eine Häuseransammlung, oder nicht?

Probleme mit mexikanischer Nähe

Unsere Villa gehört einer Familie, die sich rührseelig um uns kümmert. Sie schmeißt abgelaufene Lebensmittel aus unserem Kühlschrank, räumt unsere Zimmer auf, die übrigens alle ein eigenes Bad haben und putzt unsere Veranda, die jede Nacht mit leeren Flaschen geschmückt wird. Meine Mitbewohnerinnen regen sich über diese übergriffige auf ihre Privatsphäre auf. Doch leider können die wenigsten unserer Dueña (Hauseigentümerin) ihren Unmut mitteilen, denn kaum jemand spricht mehr als zwanzig zusammenhängende Worte Spanisch. Obwohl gute Sprachkenntnisse Voraussetzung für das Praktikum sind. Als ich die Bewerbungen bearbeite merke ich, dass alle gute Sprachkenntnisse angeben, auch wenn sie einmal angekommen nur „Hola“ sagen können. Also beschweren sie sich bei meiner Praktikumskollegin im Personal über die schlechte Unterkunft, bei der hin und wieder sogar das W-Lan ausfalle. Auf dem Weg zum Werk sehe ich Plakate für die nächsten Wahlen „Internet para todos!“ verspricht ein Politiker der PRI, „Internet für alle!“. Damit spricht er den über 80% aus der Seele, die in Mexiko von einer Breitbandverbindung träumen.

Das versteckte Dorf

Als ich mich der Hausdame das erste Mal vorstelle, frage ich ihr Löcher in den Bauch: „Ist das hier kein normales Dorf? Gibt es hier keinen Zócalo, keine Kirche, keinen Markt? Keine Schulen, keine Umzüge? Wo bin ich hier, wie komme ich zu Fuß und mit Taxis Colectivos, Combis oder sonstigen Rutas und Camiones von A nach B?“ Sie ist total erstaunt. Noch nie hat sie eine Güera (Weiße) nach dem Dorfkern fragen hören und schon gar nicht mit mexikanischen Vokabeln des Nahverkehrs. „Natürlich ist das hier ein ganz normales mexikanisches Dorf!“, sie lacht über meine panischen Fragen, „Aber die anderen Praktikanten gehen nicht in das Dorf, da sind nur die Einheimischen. Die Praktikanten fahren in die Shopping-Center und nach Puebla und Cholula, wo es Restaurants und Bars gibt. Das Dorf hat ja nur kleine Läden. Außerdem ist hier niemand auf unsere Rutas angewiesen, keiner fährt Bus, ihr habt doch Autos von VW!“ Ich erzähle ihr, dass ich nicht gern Auto fahre und dass ich ins Dorf spazieren will. Freudig überrascht ruft sie nach ihrer Tochter, die mich begleiten soll. Der Dorfkern ist nur zehn Gehminuten entfernt und sieht zu meiner Beruhigung genauso aus, wie jedes andere Dorf in Zentralmexiko. Keine Ansammlung von VW-Arbeiterhäusern. Ein schöner Zócalo, eine schöne Kirche, ein genialer Markt. Ich kaufe Tortillas, Chile poblanos, Chiles Chipotles, Queso Oaxaca und alles, was ich in Deutschland so sehr vermisse. Seither kochte die Tochter hin und wieder für mich mit und legte mir eine Quesadilla oder ein Bohnengericht in mein Zimmer, das mich nach der Arbeit begrüßte. Meine Mitbewohnerinnen starren mein Essen jedes Mal ungläubig an, während sie Nudelsuppe vom Asia-Imbiss schlürfen: „Du lebst echt auf einem völlig anderen Stern“, höre ich sie sagen. „Ja“, sage ich, „dieser Stern heißt Mexiko!“

Winterkorn verbreitet eine Stimmung wie der Einzug des Königshauses

Kaum jemand nutzt öffentliche Verkehrsmittel, die seien viel zu gefährlich. Da ich Autofahren für wesentlich gefährlicher halte, beschließe ich mich keiner Fahrgemeinschaft anzuschließen und frage im VW Werk nach den Haltestellen der werkseigenen Busse. Im Personal kann mir niemand helfen, ich frage mich also bei den Werksarbeitern durch. In den Bussen läuft „música ranchera“, mexikanische Cowboymusik mit vielen „AyAyAy´s“. Um mich rum sitzen fast ausschließlich Männer mit dreckverschmierten Arbeiterhänden und ein paar Frauen, die ich als Bedienung im Speisesaal identifiziere. Die hierarchischen Unterschiede, die ich in meiner Abteilung besonders zu spüren bekomme, erschrecken mich. Die Werksarbeiter sind durchweg Mestizen mit stark indigenem Einschlag, in Mexiko „Morenos“ gerufen. Sie alle kommen in Bussen zum Werk. In den Verwaltungsgebäuden, in denen auch ich arbeite, sitzen Mexikaner_innen und Deutsche gleichermaßen, wobei die Abteilungsleiter, die ich kennenlerne, durchweg Deutsche sind. Es herrscht eine sehr autoritätshörige Stimmung. In den wöchentlichen „Juntas“ (Besprechungen) traut sich kaum jemand der deutschen Abteilungsleiterin etwas zu entgegnen. Hinter verschlossenen Türen höre ich doppeldeutige Flüche über die Chefin, die ich nicht verstehe. Der absolute Knaller ist die Hektik, die ausbricht, als sich der VW-Oberchef Winterkorn aus Wolfsburg ankündigt. Schon zwei Wochen vorher werden die organisatorischen Abläufe geplant. Am Tag der Ankunft stehen Schlangen vor dem Eingang, die allesamt von Security-Kräften untersucht werden. Die große VW Fahne wird gehisst, dies geschieht nur, wenn hoher Besuch aus Alemania das Werk betritt. Es ist als kündige sich das deutsche Königshaus an. Ich stelle mich an die Schlange und werde nach einigen Minuten freundlich darauf hingewiesen, dass ich doch einfach hineingehen könne und nicht antehen brauche. Erst jetzt stelle ich fest, dass nur mexikanische Werksarbeiter in der Kontrollschlange stehen. Es ist ein Kreuz mit der Unterwürfigkeit in Mexiko. Salopp gesagt hörte man zunächst auf die Befehle der Aztekenkönige, dann auf die der Spanier, später auf die der US-Unternehmer. Begriffe im Alltag veranschaulichen das. In Mexiko sagt man für „Wie bitte?“ „Mandame“, was wörtlich „Befiel mir!“ heißt. Auch den Satz „Para servirle“, „Zu Ihren Diensten“, hört man an jeder Ecke.

Leichte Annäherungen an die mexikanische Bevölkerung

Als Paktikumsbetreuerin ergreife ich die Chance allen Neuankömmlingen von Mexiko zu berichten. Ich nehme sie an die Hand und zerre sie buchstäblich auf den Markt, um ihnen ein Tlagollo (Tortilla-Gericht) in den Mund zu stopfen. Das ganze hilft wenig, da sie bald mit den anderen die Shoppingmalls und den Sushi entdecken. Eine schier unglaubliche Auswahl an günstigen Lederjacken und sonstige Waren überzeugt jeden Neuankömmling und die Angebote von MC Donalds, Starbucks und Co machte sie froh. Einige Monate nach meiner Praktikumszeit entdeckte ich auf der Facebook-Pinnwand einer ehemaligen Praktikantin die Worte „Oh Gott, ich vermisse das Mc Flurry Oreo!“ Das war es, was sie zurück in Deutschland vermissen sollten.

In Mexiko ist es gesetzlich verboten als Praktikant Geld zu verdienen. Dafür gibt es eine Praktikumspremie bei guter Leistung, die nicht an ein vergleichbares Praktikumsgehalt in Deutschland rankommt. Dafür wird den Praktikanten das kostenlose Auto sowie die Unterkunft zur Verfügung gestellt. Letztere muss aus eigener Tasche bezahlt werden. Die mexikanischen Praktikanten hingegen, haben keines dieser Privilegien. Keine Premie, kein Auto, keine Wohnungsvermittlung. Dafür tut VW viel für die Region. Jede Straße Pueblas ist von VW gesponsert, sowie zahlreiche Naturschutzprojekte. Für die ökologische Leistung bekam der Automobilhersteller einige Auszeichnungen. Fotos von Abteilungsleitern, die mit dunkelhäutigen Grundschulkindern Bäumchen pflanzen, zieren die ein oder andere Werkswand.

Abends treffen sich die Praktikanten zum Cocktailschlürfen in den Bars der Vergnügungsmeile Cholulas. Hier studieren die Mexikaner, die sich die teure Universität „de las Américas“ leisten können. Während auf Arbeit eine strickte Trennung zwischen mexikanischen und deutschen Praktikanten herrscht, deren Wege sich kaum kreuzen, lernt man beim „After-Work-Drink“ und den Besäufnissen am Wochenende dann doch mal einen echten Mexikaner kennen. So mancher, der in Deutschland unglücklicher Single war, findet sogar die Liebe für´s Leben. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Begriff „Malinchista“ vor allem in Puebla weitverbreitet ist. Er bezeichnet eine Person, die sich an weiße Ausländer ranschmeißt, weil sie Geld und Prestige ausstrahlen.

Warum Einheimische unterstützen, wenn das goldene M am Start ist

Am Wochenende organisieren einige Praktikanten Ausflüge in die Umgebung. An der Wanderung auf den Vulkan „Malinche“ schließe ich mich an und kämpfe auf 4000 Meter Höhe mit meinen letzten Kräften. Ausgelaugt aber glücklich sitzen wir später am Fuße des Vulkans und lassen uns in den Stühlen eines bescheidenen Imbiss nieder. Plastikstühle, eine offene Garküche, ein Wellblechdach und ein kleiner Kiosk, das war wohl das ganze Vermögen des bäuerlichen Ehepaares, das sich emsig über die Kundschaft freut. Etwa zwölf Praktikanten kehren ein. Vereinzelte Mädels kommen schreiend vom Plumpsklo zurück: „So etwas ekliges habe ich mein ganzes Leben noch nicht gesehen!“ Ich bestelle Tortillagerichte, einen Maiskolben und ein kühles Bier. Dann der Ausruf, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde: „Ich hab jetzt so Bock auf einen geilen Burger, lasst uns gleich alle noch zu Mc´es fahren!“ Daraufhin stimmte ein Chor der Zustimmung ein. Ich verliere mich. Mit schriller Stimme gehe ich den armen Praktikanten an. Ich hatte mich bis dahin täglich in Zurückhaltung geübt, versucht meinen Horizont zu erweitern, zu verstehen, dass jede Ansicht ihre Berechtigung hat. Ich habe gelernt, dass es auch Mexikaner gibt, die den „US-Livestyle“ pflegen und keine Märkte sondern Kaufhöllen besuchen, kein Cumbias tanzen sondern David Guetta hören. Mir ist klar, dass sich die komerzielle Kultur bei aufsteigendem Wohlstand weltweit gleichschaltet und auch viele Mexikaner ziehen inzwischen den Burger der Tortilla vor. Aber an diesem Moment flippe ich aus: „Meint ihr nicht, ihr wollt lieber die Menschen in diesem Land unterstützen, die sich einen abkämpfen um das tägliche Brot zu verdienen? Findet ihr, ihr solltet euer gesamtes Geld in die Rachen der US-Firmen stecken, die weltweit die Märkte erobern und den einheimischen Einzelhandel kaputt machen? Denkt ihr nur weil der Burger schmeckt ist er besser als die traditionellen Maisgerichte, die frisch geerntetete Zutaten beinhalten? Dieses mexikanische Ehepaar hat sich über uns als Kunden gefreut und wann kommt ihr noch mal dazu echte mexikanische Küche zu probieren, wenn nicht hier?“ Verblüffte Stille. Dann bestellt einer ein paar Tacos. Die anderen fahren in stiller Übereinkunft zum nächsten MC Donalds. Am selbigen Abend macht meine Mitbewohnerin den Tag perfekt, als sie mir selbstbewusst ins Gesicht sagt, sie mache das Praktikum nur, um Ihren Lebenslauf aufzupolieren. Ein großes Unternehmen in einem außereuropäischen Land schlägt schließlich zwei Fliegen mit einer Klappe: professionelle Arbeits- und Auslandserfahrung. Es gehe ihr nicht darum in die Kultur einzutauchen, die sei ihr suspekt. Sie möge die Mentalität der Mexikaner nicht, die vorne herum lächeln und hinterrücks über einen herzögen und ich solle das doch bitte  verstehen. Sie hätte sich schließlich nicht umsonst ein deutsches Unternehmen gesucht.